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U_san
23.03.2005, 09:04
//Die letzten Stunden eines Schneeopfers ... und dessen Folgen!




Es schneite stark - man konnte gerade mal 10, vielleicht auch 15 Meter weit sehen und er lag mittendrin. Er lag einfach im Schnee und schaute gen Himmel. Er vermutete, dass es der Himmel war, denn das Einigste, was er sah, war ein sehr dunkles grau.

Von irgendwoher traf Licht auf dieses Schauspiel.
"Wohl der einzigste Grund, dass es noch nicht stock duster ist!" dachte er und schloss die Augen.

Sein Bein sollte höllisch Schmerzen, aber das einzigste was er fühlte war unbarmherzige Kälte.
Er erinnerte sich. Er war vor etlichen Stunden spazieren gegangen, doch dann rutschte er ab, fiel einen Hang herunter und brach sich dabei beide Beine. Er konnte sich noch daran erinnern, dass er schrie - erst wegen den Schmerzen des Bruches - dann wegen der entsetzlichen Kälte, die er nun nur noch ein wenig im Hintern spürte.

Es war schon länger dunkel. Er dachte nach und besann sich.
"Hmm ... dunkel seit langer Zeit - wir müssen es neun oder zehn Uhr haben ... verdammt hört das denn niemals auf?"

Seine Beine waren schon längst - sein Rumpf erst seit kurzer Zeit mit Schnee bedeckt. Auch die Temperatur ist extrem gefallen - jedenfalls dachte er das. Er hob seine Hand und betrachtete den Handschuh. Er war alt - und vollkommen durchgenässt. Er konnte seine Hand nicht mehr bewegen - wobei er nicht wusste, ob es wegen der Kälte war oder ob sich Eis auf dem Handschuh gebildet hatte.

Er musste lachen - denn die Ironie war, dass die nächste Siedlung vielleicht 500 vielleicht auch 600 Meter weiter weg war. Auf einmal begann er schon wieder zu schreien: "hilfeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee" er musste husten - und ... er war heißer. Nun wusste er aber nicht, ob es die Heiserkeit wegen des vielen verzweifelten Schreins oder der eisigen Kälte war.
Es war ihm auch mittlerweile egal, wie er genau wusste, dass er da sowieso nicht mehr herauskommen würde.

Er brachte noch mal alle Kraft zusammen, die er noch hatte und richtete sich auf. Dabei hörte er ein lautes Knacken. Er spürte nichts, aber er spürte, wie ihm ein kribbeln den Rücken hinauf kroch - dann - war wieder alles so, als würde er liegen.
Er schaufelte den Schnee zur Seite - das dauerte lange, denn er wurde zwischen drin ohnmächtig. Nun hatte er jegliches Zeitgefühl verloren.
Als er nach langer Zeit seine Beine wieder sah, wusste er auch auf einmal, warum es vorher so komisch geknackt hatte, als er sich aufgerichtet hatte - die Hose war von Blut rot getränkt.
"Deswegen auch die Ohnmacht!" Stellte er fest. Und es stimmte - ihm war immer noch schwindlig.
Dann erinnerte er sich daran, was man sich erzählte - dass wenn Körperteile durch Kälte abstarben die dazugehörigen Körperteile anschwollen.
"Sind meine Zehen eigentlich noch dran?" fragte er sich, beschloss aber dann doch nicht die Schuhe auszuziehen.

Er legte sich wieder hin - er wurde gerade dazu gezwungen, denn ihm wurde wieder schwindelig - und dann wieder schwarz vor den Augen.
Er träumte in seiner Ohnmacht - von seiner Freundin ... und dem Kind, welches beide bekommen. Sie war schon seit 6 Monaten schwanger - morgen wollte er sie eigentlich fragen, ob sie seine Frau werden wollte.
Ihm rann dabei eine Träne über die Wange - doch er schlief weiter.
Als er die Augen öffnete war es fast so dunkel, dass man die Hand nur mit Mühen vor den Augen sehen konnte - es musste nun tiefe Nacht sein.
Er wunderte sich, warum ihn bis jetzt noch niemand gefunden hatte.
"Bangt wohl niemand um mich ..." stellte er fest und schloss seine Augen. Aus der ferne konnte er Musik hören. Er lächelte, weil er das Lied kannte. Seine Mutter sang es ihm häufig vor, wenn er als kleiner Junge Angst hatte. Eine weitere Träne floss ihm über die Wange.
Er hatte Durst, doch er war nicht mehr Herr über seinen Körper - selbst seine Finger konnte er nicht mehr bewegen - da er auch sonst nichts mehr bewegen konnte, einigte er sich darauf, dass es die Kälte sein müsse, die ihm nun auch die letzte Kontrolle über seinen Körper raubte.

Und auf einmal spürte er wieder was - es war heiß - es brannte wie Feuer. Er lag mit offenen Augen da - der Schnee wehte ihm ins Auge.
Es war der Gefrierbrand - er hatte auch schon davon gehört, dass extreme Kälte beim Erfahrenden sich wie ein Feuer anfühlt. Dass spürte er nun.

"Dabei war ich doch froh nichts mehr zu fühlen ..." dachte er - er erschrak! "Kann ich nun nicht einmal mehr sprechen?"

Der Wind heulte auf - der Schnee änderte abermals seine Richtung - und wehte ihm genau in die Augen. Es war ein unbeschreiblicher Schmerz, weil sich die Augen einfach nicht schließen lassen oder wenigstens ab und an blinzeln wollten.

Nun lag er da - und das Lied kam immer näher. Er konnte nun nichts mehr sehen - dabei wusste er nun auch nicht mehr, ob nun seine Augen zugeschneit waren oder es einfach noch dunkler wurde.

Die Stimme war nun ganz nah - gedanklich summte er das Lied mit - und es erzielte den selben Erfolg, wie damals - er hatte nun keine Angst mehr vor den Konsequenzen seiner Lage.
"danke mama ..." dachte er schwach - seine Gedanken begannen zu schweben - er erinnerte sich an seine Kindheit - an sein Jugend. An seine Freundin und die schönen 3 Jahre, die sie miteinander erlebt haben. Den Streit, als sie ihm sagte, dass sie schwanger sei. Er wollte noch kein Kind - aber in Wahrheit war er in diesem Augenblick der glücklichste Mensch der Welt. Und dann überkam ihn die Trauer und die Ohnmacht der Hilflosigkeit, denn sein Kind - egal ob Mädchen oder Bübchen - müssten nun in dieser Welt ohne ihn aufwachsen. Das machte ihn traurig.
Auf einmal wurde es auch in seinen Gedanken dunkel - aber er war noch da. Er konnte nur nichts mehr spüren - er merkte, wie seine Lungen im Kampf waren - er wollte Husten, aber er konnte nicht. Seine Atmung setzte aus. Nun rebellierte auch der Rest seines Körpers. Er bekam noch mit, wie er sich übergab - aber nicht zur Seite, denn er bekam noch kurz mit, wie sein Gesicht warm wurde ...

Nach 3 Tagen suche sprangen die Hunde auf einen kleinen Hügeln am Wegesrand an - die Suchtruppe begann die Ausgrabung und hielten vor Entsetzen inne. Sie haben ihn gefunden - nach 3 Tagen suche ohne Pause - die Männer des Dorfes wechselten sich ab.

Es war ein Eskimodorf ... und traurig bargen sie die Leiche, weniger traurig, dass sie ihn verloren haben, sondern eher dass, was ihnen noch bevorstand.
Sie kamen schließlich mit der Leiche in einem Tuch an die Haustüre seiner Freundin an und klopften.
Es wurde nur zögerlich geöffnet und sie erkannten seine Freundin - eine typische Eskimofrau mit einem dicken Bauch - einem schwangeren Brauch.
Sie riss die Augen weit auf - und fing das schreien an - aber anstatt zu ihm vor zu laufen lief sie ins Haus.
Die Männer ließen ihn zu Boden herab und betraten das Haus. Ganz kurz nach diesem Ereignis lag sie bei ihm - weinend. Eine stille Menschentraube hat sich um das Haus herum versammelt - und die Männer griffen nach dem Tuch, auf das er gebettet war und holten einen Speer heraus.
Sie schrie - aber es war vergebens! Die Männer brachten sie durch gezieltes zustechen rasch um - und auch das Baby. Nun lagen 3 in 2 Tote vor den Bewohnern des Dorfes. Dann sprach der Älteste, der hervorgetreten war und ein Tuch um die beiden warf mit geschlossenen und tränenden Augen zu den Dorfbewohnern:

"So ist unser Gesetzt! Wer anderen zur Last fällt, weil sein Ernährer verschieden ist, der wird diesem Folgen!" er stoppte und sprach danach traurig weiter "... auch wenn es durch ein Unfall in der Freizeit beim spazieren gehen passiert!"

Das Dorf begrub die junge Familie - und feierte danach ein 3-tägiges Totenfest zu ihren Ehren.

- ENDE -