PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Fy's "Haben und Stein"


FYL0S
09.07.2007, 00:57
Dieser Thread soll ein bischen Platz für meine eigene kleine Kurzgeschichte und eventuelle Nachfolger und andere Geschichten bieten. Wundert euch nicht über den wunderlichen Namen, das ist eher eine typisch "fylosophische" Sache die man nicht unbedingt verstehen muss :wink:

Hier gibts nun erstmal eine kleine, zum Nachdenken anregende Geschichte von mir. Lasst sie auf euch wirken :-)

FYL0S
09.07.2007, 00:59
Dies ist die Geschichte eines Jungen namens Simon. Simon lebte ein bescheidenes Leben auf einer kleineren Insel. An fast jedem Morgen an dem die Sonne schien legte er sich am Strand auf einen flachen Stein, ließ die Sonne auf sich scheinen, nahm sich eine Kokosnuss, trank ihre köstliche Milch und schaute verträumt auf das Meer hinaus. Er sah den Horizont, der so weit entfernt schien, dass er sich sicher war, das Meer hörte niemals auf. Er sah kleine Wellen, die von so weit her kamen, dass sie, so dachte er, wohl schon alles gesehen hatten, was es auf dieser Welt gibt. Vor allem aber beobachtete er die Fische und die anderen Meeresbewohner, die dort im Wasser herumtollten. Simon dachte sich kurz darauf, dass es doch sehr schön wäre selbst ein Fisch zu sein um den ganzen Tag ohne Grenzen und ohne Ziel im kühlen Wasser schwimmen zu können und das große, weite Meer zu erkunden.

Da hörte Simon eine Stimme: "Ist dies wirklich das, was du dir am sehnlichsten wünschst?". Er suchte nicht nach dem Urpsrung dieser Stimme bevor er ihr antwortete: "Ja, natürlich, das ist es!". Kaum hatte Simon das gesagt, verschwomm die Welt um ihn herum. Er erkannte die Flossen und Schuppen an seinem Körper welche seinen alten Körper ersetzten und vernahm das entspannende Blau des Meereswassers um ihn herum. Nach kurzer Benommenheit genoss er seine neue Gestalt in vollen Zügen und schwamm und spielte und tollte mit allen anderen Meeresbwohnern umher. Er schwamm eine ungewiss lange Zeit nur in eine Richtung, um sich von der Unendlichkeit des Meeres zu überzeugen. Irgendwann hielt er kurz ein und sagte: "Endlich, jetzt bin ich frei!".

Einige Wochen vergingen, bis Simon irgendwann des Schwimmens müde wurde. Er sah nach links und vernahm nur Wasser, er nah rechts und erkannte nur noch mehr Wasser, selbst als er nach unten sah, gab es dort, im Dunkeln verborgen, doch nur noch mehr Wasser! Simon bemerkte, dass ihm seine neue Fähigkeit, frei im Meer herumzuschwimmen nichts nützte, da er einfach nicht wusste, wohin er denn nun schwimmen sollte. Er war vom Leben als Fisch und vom Meer enttäuscht. Schließlich blickte er noch nach oben und erkannte durch die Wasseroberfläche hindurch den klaren, leuchtend blauen Himmel. Er sah die Wolken, die vom sanften Wind getragen durch die Luft schwebten und er sah die Sonne, die so unendlich weit weg schien, dass er sich wunderte, ob je ein Vogel bis zur Sonne geflogen ist. Vor allem aber sah er die Möwen, welche vom Wind getragen über Inseln und Meere gleiteten. Jene Tiere, welche die ganze Welt aus der Luft heraus überblicken konnten und ihr Ziel jederzeit schon aus weiter Entfernung erkannten. Simon dachte sich kurz darauf, dass es doch viel schöner wäre, selbst eine Möwe zu sein um ganz einfach von Insel zu Insel zu reisen, die ganze Welt mit Überblick von oben zu beobachten und zu verstehen, ständig und überall neue Ziele zu entdecken und wie die Wolken sanft im Wind zu schweben.

Da hörte Simon diese unbekannte Stimme ein weiteres mal: "Ist dies wirklich das, was du dir am sehnlichsten wünschst?" "Natürlich, mit dem Meer habe ich mich wohl getäuscht, aber was kann es wohl schöneres geben als durch die Lüfte zu fliegen?". Wieder einmal verschwomm seine Umgebung, bis er sich schließlich seinem neuem Körper mit Flügeln und federleichten Knochen bewusst wurde und er, ganz intuitiv, gerade über dem Meer gleitete. So flog er nun von Insel zu Insel und erkundete nach und nach die Welt. Er sah viele Menschen und Tiere und stillte seine Neugierde jeden Tag aufs Neue. Er konnte sich kaum einen Ort vorstellen, der ihm je verwehrt bleiben sollte. Irgendwann hielt er kurz ein und sagte: "Endlich, freier kann ich nun nichtmehr sein!".

Es dauerte nun mehrere Jahre bis Simon eines Tages erschöpft auf einer Anhöhe landete. Er flog nun schon so lange fast ohne Pause und erkannte, dass er doch nur sehr wenig von der Welt gesehen hatte. Er sah nach links und sah ein lebendiges Dorf mit vielen Menschen, welche, in seinem Wissensdurst, seine ganze Neugierde weckten. Er sah nach rechts und erkannte eine wunderschöne Landschaft, deren grüne Wiesen so idyllisch aussahen, dass er doch nichts lieber täte als sich dort im weichen Gras auszuruhen. Es war eine Entscheidung, die er schon so oft treffen musste, und Simon erkannte, dass er nun zwar die Fähigkeit hatte, dorthin zu fliegen, wohin er wollte, im aber die Zeit fehlte, auch wirklich alles zu erreichen. Mit jedem Mal, mit dem er irgendwo ankam, war ein anderer Ort wieder etwas weiter weg als zuvor. Nun sah er nach oben zur Sonne und erinnerte sich, dass er doch schon immer mal zu ihr fliegen wollte. Nach kurzer Zeit musste er jedoch auch diesen Traum aufgeben, er musste sich mittlerweile auf seiner Reise wohl doch schon zu sehr von ihr entfernt haben. Simon war vom Dasein als alles überblickendes Geschöpf der Lüfte enttäuscht. Er war nun sehr erfahren und klug, doch es machte ihn nicht glücklich. Simon wusste nicht, warum er unzufrieden war, doch er wünschte sich, es wäre anders.

Da hörte Simon wieder diese Stimme, die er so lange nicht gehört hatte: "Nun, Simon, hat dir dein Dasein als Geschöpf der Meere und der Lüfte geholfen?" Simon meinte: "Nein, ich denke nicht, beides hat mich letztendlich doch nur enttäuscht." Die Stimme antwortete: "Du widersprichst dir. Hast du vergessen, was Ent-täuschung wirklich bedeutet? Als Ende der Täuschung ist sie es, die dir deine wahre Gestalt erst zeigen kann." Mit diesen Worten kam Simon wieder als Mensch zu Bewusstsein.

Am nächsten sonnigen Tag begab sich Simon wieder an den Strand und lag sich auf den wohlig warmen flachen Stein der dort lag. Er ließ die Sonne auf sich scheinen, nahm sich eine Kokosnuss und trank die köstliche Milch, welche er so sehr mochte. Er sah veträumt auf das weite Meer und in den klaren, blauen Himmel und er lächelte, denn er dachte sich:
"Endlich, freier muss ich nicht sein."

FYL0S
31.01.2008, 01:51
Es war einmal ein junger Mann von der Erde. Er war recht klein und doch in allem sehr hektisch, von allen Eigenschaften war jedoch seine Zielstrebigkeit am herausragendsten, wobei es ihn doch leicht überwältigte, wie groß doch dieses Tor ist, durch das er sich vornahm hindurch zugehen. Im Grunde war es bei genauerem Betrachten sogar gigantisch, obwohl er es nur aus der Ferne sah. Das Tor war zwar offen, aber er war sich der Schwierigkeit, durch eben dieses monströse Tor auf die andere Seite zu gelangen, bewusst. Dies hatte seinen Grund, so wie es bisher für alles einen Grund, also eine Ursache gab.

In der Tat war dies, objektiv betrachtet, nicht wirklich ein besonderes Ereignis. Dieser junge Mann - es ist leider völlig unbekannt, ob es sich anders zugetragen hätte, wenn es sich aus Zufall eine junge Dame zum Ziel gemacht hätte, dieses Tor zu passieren - hatte eben jene Situation bisher schon einige Male erlebt. Zugegeben, die Tore sahen immer sehr verschiedenen aus, waren mal größer, mal kleiner, mal düsterer, mal bunter als dieses und manchmal waren sie auch so zusammenhanglos in der Gegend verteilt, dass es ein Leichtes gewesen wäre, sie einfach zu passieren, indem man einen kleinen Umweg in Kauf nähme, wobei es aber allgemein bekannt war, dass genau dies eigentlich sinnlos war. Der junge Mann konnte also auf eine große Menge an Erfahrung vertrauen. Gemeinsam hatten die Tore jedoch eine Sache von so überragender Bedeutung, dass man guten Gewissens sagen könnte, dass es in der Tat jedes Mal das selbe Tor unter verschiedenen Bedingungen erneut zu durchqueren galt. Diese Gemeinsamkeit stellte ein Torwächter dar, der sich jedes Mal in voller Größe vor das Tor stellte, mit einem so überlegenen und grimmigem Gesicht, dass er mit jedem Tor noch ein wenig schwieriger zu überwinden schien, als diejenigen davor. Von Weitem aus war die Statur dieses Wächters immer sehr klar definiert, je näher man jedoch kam, desto schwieriger war es, sein ganzes Wesen mit einem Mal zu überblicken.

Jedes Mal war es dasselbe gewesen. Immer wieder! Der Wächter drehte sich zu dem jungen Mann um, und verbot ihm mit einem schrillen, doch gleichermaßen sehr ruhigen Schrei das Passieren. Er konnte sich die Ruhe dieses Schreis in seinen Erinnerungen nie erklären. Ein kalter Schauer befiehl den jungen Mann, gleichzeitig war jedoch auch sein Kampfgeist geweckt, denn er hatte sich vorgenommen, sich niemals den Weg versperren zu lassen. Es war wohl ein glücklicher Umstand, dass er von seiner frühsten Kindheit an gelernt hatte, sich das, was er wollte, einfach zu nehmen, sollte es ihm von jemandem verwehrt geblieben sein. Und auch, wenn ihm viele dieser Tore noch in genauster Erinnerung blieben, so war es ihm immer wieder ein mysteriöses Rätsel, wie er es denn nur geschafft hatte, die bisherigen Wächter, mit denen er zweifellos konfrontiert gewesen sein musste, zu überwinden. Jedes weitere Tor schien durch den Wächter, wie schon das allererste, aufs Neue ein nicht zu bewältigendes Hindernis darzustellen. So kam es, dass er sich ausmalte, welch beneidenswerten Überredungskünste, welch unvergleichliche Willenskraft, ja überhaupt welch unfassbare geistige und körperliche Überlegenheit er wohl zweifellos besitzen musste. Dies war die einzige Sache, die ihn davon abhielt, einfach die Richtung zu ändern und den Weg, dem er seit er denken konnte gefolgt war, zu verlassen. So unglaublich abschreckend dieser Wächter schien, so unermesslich musste die Macht des jungen Mannes, nach logischen Schlussfolgerungen, demnach sein, da er sonst nicht in der Lage gewesen wäre, das Tor vor diesem und jene Tore davor zu durchqueren.

Mit der vollen Überzeugung in seine Fähigkeiten brachte der junge Mann daher einen unmenschlichen Mut auf und sprach mit dem sich gerade umdrehenden, bedrohlich wirkenden Torwächter: "Ich möchte dieses Tor passieren. Ich lasse mich nicht aufhalten. Wenn du es mir verbietest, werde ich dennoch hindurchgehen. Wenn du mich abhalten willst, so werde ich mich dir stellen. Wenn du dich mir widersetzt, wirst du es bereuen. Es muss jetzt für mich möglich sein, dieses Tor zu passieren." Der junge Mann wurde sogleich sehr aufmerksam, sodass er einen plötzlichen Angriff des Wächter abwehren und ein Argument sofort zerschmettern könnte. Er war in der Lage, auf jede Situation, die er sich in den Sinn rufen konnte, richtig zu reagieren.

Der Wächter entgegnete, ohne auch nur die geringste Form von Emotion preis zugeben: "Du musst das missverstehen. Ich stehe zwar hier als Wächter, doch ich werde dich nicht aufhalten. Ich habe überhaupt nicht vor, deinen Weg zu behindern. Geh einfach an mir vorbei." Der junge Mann war jetzt so irritiert wie ratlos. Er war vom fehlenden Widerstand regelrecht erschüttert. Wie konnte es nur möglich sein, dass nach allen kaum überwindbaren Torwächtern dieser eine nicht versuchte, ihn aufzuhalten? War es etwa ein Trick? Wenn der junge Mann so gerissen gewesen war, alle bisherigen Torwächter zu bezwingen, so würde er das berücksichtigen müssen. Würde der Wächter sein Opfer wohl in jenem Moment überrumpeln, als es seine Schultern passierte? Ein Messer, ein Dolch oder eine andere Waffe war an ihm nicht auszumachen.

So kam es, dass der junge Mann zögerte, sich direkt vor das Tor an die Seite setzte und den Torwächter ausgiebig erforschte. Dies war ohne Gefahr möglich, denn der junge Mann erkannte, dass sich der Torwächter sogar die Mühe machte, den jungen Mann so gut er konnte zu ignorieren, ganz so, als zweifelte er an der Fähigkeit des jungen Mannes, eine Bedrohung für ihn und sein Tor darzustellen. Dieser verabscheute die unermessliche Arroganz des Torwächters, ihn dermaßen zu ignorieren, wo er doch zu diesem Zeitpunkt sicherer den je war, den Torwächter besiegen zu können. Der Torwächter musste von der Willenskraft des jungen Mannes bereits gehört gehabt haben, weshalb es also gleichzeitig auch ein sehr, sehr raffinierter Plan sein könnte, den er sich ausgedacht haben musste, bevor der junge Mann an dieses Tor kam, der ihm eine solche Gleichgültigkeit dem Verhalten des jungen Mannes gegenüber ermöglichte. Darum wäre es doch geradezu dumm gewesen, ohne Hintergedanken den Aufforderungen des Torwächters, dessen oberste Aufgabe es schließlich war, das Tor zu bewachen, Folge zu leisten.

In diesem Dilemma versuchte sich der junge Mann verzweifelt daran, seine Erinnerungen an die früheren Wächter und ihre Schwächen wiederzuerwecken, doch es war zwecklos. Schließlich realisierte der junge Mann die Sinnlosigkeit dieser Situation und schlussfolgerte - mit der Logik eines vielfachen Wächterbezwingers - dass es der einzige Ausweg war, das Tor unter größter Vorsicht einfach zu passieren. Darum stand der junge Mann nun auch wieder auf und war bereit, allen Widerständen zum Trotz am Torwächter vorbei durch das Tor zu gehen. Da wurde ihm klar, dass er mit dem Zögern womöglich falsch gehandelt habe, denn womöglich möchten die Torwächter ihn wirklich nicht aufhalten und all sein Misstrauen ist in der Tat umsonst. Der Gedanke daran rief eine unbeschreibliche, wenn auch kurzzeitige Erleichterung im jungen Mann hervor, die seiner Vorsicht aber keinen Abbruch trat. Vielleicht waren sogar alle bisherigen Torwächter kein Hindernis gewesen und er erwarte in Zukunft auch keinen Widerstand. Durch diese Vorstellung war der junge Mann so frei und glücklich wie nie jemals zuvor. Darum lief er nun auf das Tor zu.

Da kam ihm allerdings der Gedanke, der alle inneren Sinne in ihm alarmierte. Wenn er all diese Wächter gar nicht bezwungen hatte, so konnte er sich auf seine Schlussfolgerungen doch auch in keinster Weise verlassen, schließlich wusste er dann gar nicht, ob er überhaupt gerissen genug war, die Absichten und Taten dieses Wächters vorherzusehen. Und selbst wenn dieser Wächter ihn ohne Hinterhalt passieren gelassen hätte, so könnte er sich wiederum nicht sicher sein, ob nicht doch der Nächste oder einer der folgenden Wächter danach ihm gegenüber eine böse Absicht hegte, der er dann in keinster Weise gewachsen wäre. Missmutig sah der Mann seine Niederlage ein, er wünschte sich nun mehr denn je, die andere Seite dieses Tors eines Tages betreten zu können. Er machte kehrt und verließ das Tor in die andere Richtung, während der Torwächter, ohne je auch nur die geringste Form einer Emotion preisgegeben zu haben, weiterhin reglos unter seinem Tor stand.

So kam es, dass der Mann einer ewig lang scheinenden Strecke entlang dem Weg immer weiter folgend geradeaus lief, so lange, bis der einzige Besitzt seiner Gedanken die groben Eigenschaften vergangener Tore und das bedrohliche Bild eines Torwächters war. Es war genau jener Besitz, der sich ihm als so wertvoll erweisen müsste, wo er doch nun, in weiter Ferne, erneut ein riesiges Tor mit einem Wächter darunter erblickte, dass er auf seinem Weg durchqueren musste. Er fragte sich immerzu wieder, weshalb es ihm nur nicht gelingen wollte, sich an die Eigenschaften vergangener Torwächter zu erinnern.