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Kanshin_X
02.05.2004, 12:34
Das Kuscheltier zwischen den Schienen

(oder: „Spring ins nächste Leben“)




Der Abend des letzten Freitages im Juli und die Nachrichten bringen immer noch ihre Sondersendungen, immer noch läuft keine Musik im Radio, immer noch ist in den Redaktionen der kleinsten Zeitungen kein Licht verloschen und noch immer sitzen Millionen von Menschen gebannt vor ihren Fernsehren und verfolgen die Nachrichten und Sondersendungen, die –moderiert von ebenso aufgeregten Sprechern- das gesamte Abendprogramm auf den Kopf gestellt haben. Draußen stehen die Autos still, weil unzählige Autofahrer, statt auf den Verkehr zu achten, ihre Aufmerksamkeit auf die Nachrichten im Radio lenken oder zu Hause anrufen, um sich zu erkundigen, ob es bereits vernommen wurde.

Währenddessen standen scheinbar Hunderte von Polizisten und Feuerwehrmännern vor den Toren eines Gebäudes und teilten sich nun auf, denn dem Leben der Menschen, die sich noch innerhalb befanden, galt die höchste Priorität. Kurz darauf folgte eine Kolonne von Krankenwagen und sogar ein Hubschrauber landete in der Nähe auf der Straße, so dass diese abgesperrt werden musste. Und doch hupten heut keine wütenden Autofahrer und die Zahl der Schaulustigen überbot alles bisher da Gewesene. Allerdings waren sie alle stumm und starrten nur hinüber zu diesem Gebäude, das so still und ruhig wirkte, das verlassen wirkte und doch wussten sie es genau... irgendwo befanden sich im Inneren einige hundert Menschen. Etwa eine Stunde lang, die man brauchte, um alles rundherum abzusichern und in richtige Position zu bringen, passierte nichts... alles war nur weiterhin still und in den Augen der Schaulustigen war die Aufregung abzulesen. Die Aufregung über das, was wahrscheinlich kommen würde... die Aufregung über die Wahrheit, über den Bericht, der ihnen sagte, wie es innerhalb aussah...

Und plötzlich, nachdem sich bereits etwas Ruhe ausgebreitet hatte über dem Gelände, zerstörte das Geräusch eines Schusses diese Stille und ließ sie alle aufhorchen, sie alle, die vorm Fernseher saßen, die im Auto saßen oder die Menschen, die hier standen und die nun überstürzte Reaktion der Polizei beobachteten. Diese begannen nun das Gebäude zu stürmen bzw. betraten es mit gewisser Vorsicht jetzt zumindest. Kaum hatten einige von ihnen die Eingangstür geöffnet fiel ihnen etwas entgegen, das sich von hier, aus den Zuschauerrängen der Betrachter nur schwer erkennen ließ und sofort griff man zum mitgebrachten Fernglas und hielt den Atem an, als einige Sanitäter dorthin rannten. Einige von ihnen begannen nun sogar zu weinen, als sie begriffen hatten, dass es ein Mensch war, der dort aus der Tür fiel und sich nicht mehr rührte. Und obwohl man nicht zu erkennen vermochte, ob diese Person noch lebte oder nicht, verbreitete sich die Nachricht eines gefundenen Opfers sofort in der Stadt, im Land. Denn alle waren sie sicher: Tot ist die Person, die aus der Tür fiel!
Wie recht sie damit hatten, erfuhren sie jetzt noch nicht, stattdessen blickten sie gebannt zur Tür, die aufgestoßen worden war und in die Polizisten und Spezialeinheiten eindrangen.

Doch sehen, was dort drinnen wirklich vorging, konnte niemand sehen, niemand außer der Ansammlung von Schülern und Lehrern, die sich in der Pausenhalle der Schule zusammendrängten und vor deren Füßen diese Leichen lagen, diese Personen, die sich nicht mehr rührten und um die sich eine Lache aus Blut gebildet hatte. Was mochte ihnen, die dem Tod in die Augen blickten nun durch den Kopf gehen?
Vielleicht dachten sie daran, dass das Ableben schneller kam als gedacht... oder womöglich dachten sie an alles, was sie nicht mehr hatten erledigen können... oder daran, dass die Schule vermutlich geschlossen werden würde... oder möglicherweise an diesen Menschen, der all das ausgelöst hatte und den sie jetzt aus tiefstem Herzen hassten und verabscheuten. Und keiner von ihnen, kein Einziger dachte an die Toten, die sich nicht mehr rührten... immerhin würde einer von ihnen als Nächster oder Nächste dran sein...
Die Person, die sie alle hier kontrollierte und mit ihrem Leben spielte, die Person, die all diese Schüler und Lehrer ermordet hatte... das war sie. Sie, die diesen geblümten, mit Blut entstellten, Rock und das schwarze T-Shirt mit merkwürdigen, unentzifferbarem Aufdruck trug und diese Waffe in der Hand hatte, die so fehl am Platz schien. Ihre Augen schienen längst nicht mehr zu leben und waren nicht mehr grau oder gar blau... sie schienen farblos, undefinierbar geworden zu sein und niemand wagte es, eine Prognose darüber abzugeben, was sie wirklich dachte oder als nächstes tun würde. Man sah nur diese Leichen, die sich vor ihr auftürmten und ihr den wirklichen Eindruck einer Mörderin vermittelten. Nur warum? Das war eine Frage, die ganz allein im Raum stand und die niemand jetzt und später zu beantworten vermochte.

Niemand von den Nachrichtensprechern oder den ganzen Psychologen, den Klassenkameraden oder denen, die man sonst noch befragte...niemand von ihnen kannte die Antwort, nein, denn die, die womöglich hätten antworten können waren längst verstorben, gestorben durch ihre Hand.
Und so wussten sie auch nicht, dass niemand Zufälliges verstorben war und das ganze sorgfältig bis ins kleinste Detail geplant gewesen war... denn sie wollte nichts dem Zufall überlassen, nicht bei der letzten Sache, die sie hatte erledigen wollen, bevor sie fortging und nicht zurückkehrte. Es war ihr Lebenswerk, auch, wenn es niemand würdigte... weil niemand so gedacht hatte wie sie.

Doch jetzt war dieser Punkt noch nicht erreicht und sie bewegte mit ihrem Arm, wie mechanisch, ihre Waffe zwischen den Reihen der Menschen hin und her, als wüsste sie noch nicht genau, wer als nächstes leiden sollte. Dann plötzlich, als hätte sie sich in einem Augenblick entschieden, stoppte sie die Bewegung und der Lauf ihrer Waffe ruhte auf einem Jungen, der verhältnismäßig ruhig, im Vergleich zu den vorherigen Opfern, zu ihr hinüber blickte und nun aufstand. Er sprach kein Wort zu ihr, stellte sich direkt vor sie, blickte ihr ruhig in die leeren Augen und verzog die Mundwinkel zu einer Mischung zwischen Lachen und Weinen.

Er hatte verstanden, dass er dem Tod ins Auge blickte und dieser sich nicht aufhalten ließ, nicht von ihm, nicht von ihr, einfach von niemandem... es war eine Art Eingebung, die ihm zu sagen schien, dass er gerade noch einige Sekunden zu leben hatte, bevor er in der Masse er Leichen dort am Boden untergehen würde. Wohl der Grund, weshalb er nicht weinte oder um sein Leben bettelte, dass niemals vollständig gelebt werden sollte. Der Grund, weshalb er nun seine letzten Worte an sie richtete, obwohl er auch erahnen konnte, dass sie niemals auch nur jemand anderen erreichen würden: „Ich dachte, du wolltest nicht sterben...“
Beim Aussprechen der letzten Silbe ertönte ein lauter Knall und er, der sterben sollte, starb ohne einen weiteren Laut. Starb einfach so, starb ohne großes Leid, starb allein und doch nicht allein, starb einfach...