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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Angel Eyes


Serelith
02.05.2004, 21:23
Hi

Ich versuch mich auch mal im Schreiben :wink:

Meine FF ist hauptsächlich inspiriert von meinem absoluten Lieblingsmanga Angel Sanctuary.

Hier mal ein erster Teil von meiner Geschichte.

Angel Eyes

1. Ende und Anfang

Die Schulglocke der Todaichi Schule leutete und kurz darauf traten die ersten Schüler in das Licht der abendlichen Herbstsonne. Wie ein kleiner Bach, der unter der Last eines grossen Gewitters anschwillt, strömten die Schüler aus dem Gebäude um sich in die weiten Häuserschluchten von Tokio zu verteilen. Hauptsächlich floss der Schülerstrom in zwei Richtungen: Diejenigen, die hart für ihre berufliche Zukunft arbeiten mussten, gingen in die alltäglichen Nachhilfestunden. Denn wollte man wirklich etwas erreichen, musste man an einer Eliteuniversität von Japan studiert haben. Dabei zählten die Noten weniger; man musste einfach einen Wisch haben, der bestätigte, dass man dort gewesen ist. Doch erst musste man angenommen werden und dies war der eigentlich schwierige Teil des ganzen Unterfangens. Zumindest für diejenigen, die keine reichen Eltern mit guten Beziehungen hatten. Denn an jeder Universität waren grosszügige Spenden willkommen. Da konnte es auch schon mal passieren, dass plötzlich mitten unter dem Jahr ein neues Gesicht in der Universität auftauchte. Doch dies wurde stillschweigend und mit einem höflich zuvorkommenden Lächeln hingenommen. Doch der grösste Teil musste mehr oder minder freiwillig in die nächste Nachhilfestunde.
Die Anderen, die sich „glücklich schätzen konnten“ einer reichen, einflussreichen Familie anzugehören, strömten Richtung Shibuya und Shinjuku um sich in den zahlreichen Pajinko-Hallen zu vergnügen oder in einem der unzähligen Einkaufszentren ihr Geld auszugeben.
Zu diesen wenigen Auserwählten gehörte auch Yui Sendai. Sie stammte zwar nicht von einer reichen Familie, ganz im Gegenteil, doch heute wollte sie sich eine Auszeit von dem ständigen lernen für die Aufnahmeprüfungen gönnen.

Yui war in Takushima auf der Insel Shikoku aufgewachsen. Ihre Mutter war Hausfrau, ihr Vater war ein typischer Salaryman und arbeitete bei einer einflussreichen Werbefirma. Dank dieses Jobs war es Yui auch möglich in Tokio auf die Todaichi Schule zu gehen. Ihr Vater arbeitete sehr hart für die Zukunft seiner Tochter. Er erwartete von ihr, dass sie alles mögliche tat, um eine gute Ausbildung und einen guten Job zu bekommen. Deswegen hatte sie auch öfters Streit mit ihrem Vater, der sich ihre Zukunft schon bis ins kleinste Detail verplant hatte. Sie war der Meinung, dass das Leben viel zu wertvoll war, als das man es in geregelte Bahnen zwängen sollte. Ein weiterer Grund für diese Einstellung war sicher auch der Tod ihres Bruders Daisuke, als sie 17 war. Auch bei ihm hatte ihr Vater schon genaue Vorstellungen, wie sein Leben aussehen sollte. Daisuke sollte den Platz seines Vaters in der Werbefirma einnehmen und mehr noch – er sollte die Tochter des Firmenbesitzers heiraten und somit später die Firma übernehmen. Es war alles schon abgemacht und festgelegt. Aber niemand hatte es für nötig gehalten Daisuke oder die Tochter des Firmenbesitzers um ihre Meinung zu fragen. Es war nicht so, dass sie einander nicht mochten, aber sie hätten doch gerne selbst entschieden, wen sie lieben wollten. Doch kurz vor dem vereinbarten Hochzeitstermin verunglückte Daisuke bei einem schweren Verkehrsunfall. Er lag danach noch 3 Monate im Koma und starb dann. Für ihren Vater war das ein schwerer Schlag, denn mit Daisuke starben auch seine Träume. Nach einer Weile fing er an, seine Träume auf Yui zu fixieren. Nun sollte sie die bestmögliche Ausbildung erhalten und so weit wie möglich in der Gesellschaft aufsteigen. Yui sollte das erreichen, was er selbst nie erreichen konnte. Dieser ganze Streit ging schliesslich soweit, dass ihr Vater sie einfach nach Tokio brachte, sie vor dem Haus ihrer Tante abstellte und ohne ein Wort zu sagen wieder nach Hause fuhr. So blieb ihr nichts anderes übrig als in Tokio zu bleiben. Anfangs sträubte sie sich noch auf die Todaichi Schule zu gehen, doch als sie erst einmal dort war, gefiel es ihr doch ganz gut. Ja sie würde die Todaichi Schule besuchen, aber auf keinen Fall den Weg gehen, den ihr Vater sich vorstellte. Er wollte, dass sie in der Werbebranche Fuss fasste und dann in der gleichen Firma arbeitete wie er. Doch sie wollte Journalistin werden und über das Weltgeschehen berichten. Um dieses Ziel zu erreichen, musste sie eine Universität besuchen. Also hatte der krasse Entschluss ihres Vaters, sie einfach in Tokio abzusetzen doch etwas Gutes. Sonst wäre sie wahrscheinlich in Takushima geblieben.
Ihre Tante wohnte in einem Vorort von Tokio, in einem mehr als baufälligen Haus. Bei starken Regentagen tröpfelte es durch die alte Holzdecke direkt in Yuis Zimmer. Meist musste sie dann um vier bis fünf Töpfe am Boden schleichen, die die Wassertropfen auffingen. Doch die eingetrockneten Wasserflecken auf den Tatamimatten zeugten davon, dass es ihr nicht immer gelang. Überhaupt war Yui eher der chaotische Typ. Ihr Motto war: Nur die Dummen brauchen Ordnung, denn die Genies beherrschen das Chaos. Und alle Ermahnungen ihrer Tante, sie solle doch endlich einmal ihr Zimmer aufräumen, liefen ins Leere.
Genau so chaotisch wie ihr Zimmer sah auch sonst ihr Leben aus. Durch ihre Japan-untypische eigensinnige, direkte und manchmal sture Art hatte sie sich nicht nur Freunde an der Todaichi Schule. Yui sagte ihre Meinung immer gerade heraus. So auch gegenüber der Schlägertruppe der Schule. Das war eine Gruppe von fünf Jungs, wie sie es in etwa jeder Schule gibt. Spätpubertierende Jungs, die ihre Minderwertigkeitskomplexe mit grossem Gehabe überspielen mussten, ihre eigene Schwäche überdeckten, indem sie vermeintlich Schwächere angriffen. So geriet auch Sei Watanabe, ein Schulkollege von Yui, ins Visier der Bande. Er hatte sich zwischen die Truppe und seinen kleinen Bruder gestellt. Yui kam in dem Moment hinzu, als Sei von zwei Jungs festgehalten wurde, während zwei andere auf ihn einschlugen. Der Anführer der Gruppe stand daneben und lachte hämisch. Yui ging sofort ohne viel zu überlegen dazwischen und scheuchte die zwei Schlägertypen weg. Durch die lauten Stimmen wurden auch Lehrer aufmerksam und kamen dazu. Dies verhinderte, dass die Bande auch noch auf Yui losging. Sie liessen von Sei ab und zogen sich zurück, allerdings nicht ohne Yui mit einer Warnung zu bedrohen. Die Lehrer standen ohne Worte daneben und sahen zu. Was hätte man auch sagen sollen; es waren alles Söhne von einflussreichen Männern in Tokio, die leicht dafür sorgen konnten, dass man die Stelle verliert. Und das wollte in der heutigen wirtschaftlichen Lage niemand. Diesen Umstand nutzten die Jungs natürlich aus und tobten an der Schule, wie es ihnen gerade gefiel.
Durch ihr beherztes Eingreifen hatte Yui den Respekt und das Vertrauen von Sei gewonnen. Ab diesem Zeitpunkt war er für sie da und sie wurden mit der Zeit die besten Freunde, wobei es auf der Seite von Sei mit der Zeit mehr wurde, als „nur“ eine Freundschaft. Doch er war sich nicht sicher, wie Yui fühlte... und Yui war sich dessen ebenfalls nicht sicher.

„He Sei.. wo bleibst du denn so lange?“ Ungeduldig wartete Yui auf dem Schulplatz und blickte Richtung Tür. Sei war wie immer spät dran. Warum hiess es eigentlich immer Frauen hätten lange? Wenn sie etwas mit Sei abgemacht hatte, war immer sie es, die auf ihn warten musste. Aber sie wollte eigentlich gar nicht wissen, was Sei da so lange trieb. „Ich komm ja schon! Ich musste nur noch unser Klassenzimmer aufräumen. Du weißt doch, dass ich diese Woche Putzdienst habe. Eigentlich hättest du mir ja helfen können Yui“, sagte Sei neckisch etwas ausser Atem, als er zur Tür hinaus trat. „Wie du schon richtig bemerkt hast, hast du heute Putzdienst und nicht...“ Sie hielt mitten im Satz inne.
Was war passiert? Warum bewegte sich nichts mehr? Ein Vogel, der sich gerade vom Boden in die Lüfte erheben wollte, hatte mitten in seiner Bewegung inne gehalten. Die Blätter wehten nicht mehr im leichten Abendwind. Die Wolken hatten aufgehört ihre Bahnen am Himmel zu ziehen. Sei stand wie festgefroren in der Tür vom Schulgebäude. Seine rechte Hand war leicht vom Körper weg und schien auf irgendetwas auf dem Boden zu zeigen. „Was....“ Plötzlich wurde alles schwarz um Yui herum. Die Bäume, die Wolken und der Vogel verschwammen zu einer einzigen dunklen Masse. Nur Sei schien weiter im Licht zu stehen – in einem komisch, nebelartigen Licht. „Was hat das zu bedeuten? Träum ich?“ Auf einmal leuchteten zwei Lichter hinter Sei ganz kurz auf, um wenige Sekunden später erneut auf sich aufmerksam zu machen. Doch bei jedem neuerlichen Blinken, waren sie näher bei Sei. Yui wusste instinktiv, dass dies Gefahr bedeutete. Sie wollte zu Sei, doch sie konnte sich nicht rühren. Irgendetwas schien ihren Körper festzuhalten und er bewegte sich nicht einen Millimeter, egal wie sehr sie sich auch anstrengte. „Sei! Sei geh weg da!“ Doch es war schon zu spät. Die beiden Lichter waren nun direkt hinter ihm. Ein noch finsterer Schatten, als die Dunkelheit, die sie umgab, löste sich und war nun direkt über Sei. Yui musste hilflos zusehen, wie Sei darunter verschwand ohne ein Wort sagen zu können. Der Schatten hatte ihn unter sich begraben.
„ui.. i..st.. lles.. i.. O.. dnung?“ Seis Stimme drang von irgendwo her zu ihr. Als sie ihre Augen öffnete, war alles wie vorhin. Die Wolken zogen am Himmel vorbei, die Blätter wehten im Wind, der Vogel war mittlerweile hoch in den Himmel geflogen und Sei stand neben ihr. „Träumst du?“ „Ich.. ich äh.. nein. Ich war nur gerade..“ „Ja ja schon klar.. du träumst mal wieder vor dich hin, wie immer. Und mich kritisieren, ich sei zu langsam. Verstehe einer die Frauen. Nun komm Yui, ich möchte heute noch nach Shibuya.“ Sei stiess Yui spielerisch vor sich her.
Was war da gerade geschehen? Hatte sie eine Tagtraum gehabt? Aber konnten Träume wirklich so real sein? Sie konnte jetzt noch die unsichtbaren Hände fühlen, die sie festgehalten hatten. Immer noch rann ihr ein Schauer über den Rücken von der Kälte der Dunkelheit. Plötzlich rann ihr etwas nasses über die Wange. Eine Träne. Hatte sie um den vermeintlichen Verlust von Sei geweint?

Die Lichter der Stadt machten die mittlerweile hereingebrochene Nacht zum Tage. Hier schien das Gesetz der Zeit nicht zu existieren. Menschenmassen drängelten sich durch die tiefen Häuserschluchten von Shibuya, eines der trendigsten Viertel von Tokio. Die riesigen Bildschirme an den Fassaden der riesigen Gebäude zeigten die neusten J-Pop Videos. Überall sprang einem Werbung ins Gesicht und die Lichter schienen den ganzen Körper zu durchfluten. Hier war man wirklich in einer anderen Welt und man konnte all seine Sorgen vergessen. Hier zählte nur eines: Shoppen, shoppen, shoppen! Und genau das hatten nun auch Sei und Yui vor. Sie wollten in eines der zahlreichen Shopping Centers von Shibuya um ihr Erspartes loszuwerden.
„Wo wollen wir zuerst hin?“ fragte Sei, während er sich an das Denkmal von Hachiko lehnte. Dieser treue Hund, der hier immer noch in Form einer Statue auf sein Herrchen wartete. Ein beliebter Treffpunkt. „Ich weiss nicht.. vielleicht ins Daikanyama in Sakuragaoka-cho? Dort gibt’s ja eigentlich alles.“ „Ja klar.. warum nicht. Gehen wir mit der U-Bahn oder? Es regnet schon ziemlich stark. Komm schnell Yui.. es ist gerade grün, wir können noch schnell über die Kreuzung.“ Yui hatte schon immer Respekt gehabt vor den viel befahrenen Strassen. Das hatte sich noch verstärkt, als ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Die Kreuzung bei der Shibuya Station war eine der grössten in diesem Viertel. Hier trafen sich gleich vier grosse Hauptstrassen: Die Meiji-Dori, Aoyama-dori, Tamagawa-dori und der Expressway No. 3. Sie fühlte sich erst wieder sicher, wenn sie auf der anderen Strassenseite angelangt war. Doch heute fühlte sie sich nicht mal mehr da sicher. Yui sah sich etwas irritiert um. Irgendetwas stimmte heute einfach nicht ganz mit ihr. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken; ob vom kalten Regen oder dem komischen Gefühl, dass plötzlich in ihr aufkeimte, konnte sie nicht sagen. Yui blieb stehen und sah sich um. „Was ist denn heute los mit dir?“ Sei war ebenfalls stehen geblieben. Als Yui zu ihm rübersah, erschrak sie. Dieses Bild hatte sie doch schon gesehen. Sei stand genau unter einer Werbetafel, die ihr fahles Licht direkt über ihm ausbreitete. Nun ging alles sehr schnell und für Yui doch unendlich lange. Hinter Sei sah sie zwei Lichter, die direkt auf ihn zurasten. Ein Laster war auf der nassen Strasse ins Schleudern gekommen und raste nun mitten auf die Fussgänger zu. Sei drehte sich wie in Zeitlupe um, doch er konnte nicht wie die anderen auf die Seite springen. Er war wie gelähmt. Der Laster kam immer näher und schien sich wie ein bedrohlicher Schatten immer weiter über Sei auszubreiten.
Nein.. nein das durfte nicht geschehen.
Der Laster war nur noch 15 Meter von Sei entfernt.
Nein das war nur wieder ein Traum.
Noch 10 Meter.
Es war nur der gleiche Tagtraum, wie sie ihn heute schon einmal hatte.
Noch 8 Meter.
Es konnte nicht sein, dass so etwas schreckliches wirklich passieren konnte.
Noch 6 Meter.
Es konnte vor allem nicht ihr und Sei passieren.
Noch 4 Meter.
Aber was, wenn es kein Traum war? Wenn es tatsächlich passierte?
Noch 2 Meter.
Sie musste etwas tun. Sie konnte nicht zulassen, dass Sei von dem schwarzen Schatten verschlingt wird. Wieder schien sie etwas festzuhalten, doch sie wehrte sich mit all ihrer Kraft gegen die unsichtbaren Hände. Langsam, beinahe wie in Trance tat Yui Schritt für Schritt auf Sei zu und stiess ihn beiseite, als sie bei ihm war. Die zwei Lichter waren nun direkt vor ihr und sie schloss die Augen. Finsternis umhüllte sie und Yui fiel. Sie fiel lange und tief, immer weiter in ein Loch ohne Boden.

Ein kühler Abend in Tokio. Schwere Regentropfen fallen zu Millionen auf die riesige Stadt. Menschen kramen ihre Regenschirme hervor oder flüchten in Gebäude um nicht nass zu werden. Das Sirenengeheul einer Ambulanz durchbricht das Rauschen des Regens im Viertel Shibuya. Rote Lichter erleuchten Gesichter von Menschen, die an der Kreuzung stehen geblieben sind und entsetzt auf die Strasse starren. Sanitäter springen aus ihren Ambulanzen und rennen auf die Mitte der grossen Kreuzung. Ein junger Mann kauert auf der Strassenmitte und hält eine junge Frau in seinen Armen. Um sie herum bahnt sich eine grosse Blutlache ihren Weg. Ein Lastwagen steht mit qualmendem Motor etwas abseits. Die Front ist mit Blut bespritzt.
„Yui warum hast du das getan?“ sagte der junge Mann mit vor Tränen erstickter Stimme. Die Frau berührte sein von Tränen und Regentropfen nasses Gesicht und sagte mit ihrer letzten Kraft diese Worte: „Ich habe es gesehen. Ich wollte nicht, dass es noch einmal passiert. Ich wollte dich nicht... ver.. verlieren.“ Sie sah ihm in die Augen und lächelte noch einmal. Dann fiel ihre Hand langsam auf den kalten, nassen Betonboden. Jegliches Leben verschwand aus ihren Augen.
Wie hypnotisiert hielt Sei den leblosen Körper von Yui in seinen Armen. Es schien, als ob auch aus ihm alles Leben gewichen sei.

„Es wird wohl Zeit sie abzuholen.“ Ein grelles Licht erhellte die Kreuzung, doch niemand von den versammelten Menschen reagierte darauf. Ein Mann trat aus dem hellen Licht. Mit seinen kurzen, braunen Haaren sah er etwas verschroben und runtergekommen aus. Nur sein beiger Mantel hauchte ihm etwas Eleganz ein. Er trat vor Sei hin, doch er schien durch ihn hindurch zu sehen: „Wach auf Yui-san. Wach auf!“ Plötzlich erschien ein weisses Licht über Yuis Körper. Es schwebte ein paar Sekunden über ihr und dann formte es sich plötzlich zu ihrem Ebenbild. „Wo bin ich? Was ist passiert?“ Sie sah sich etwas orientierungslos um und als ihr Blick auf Sei fiel und sie ihren Körper sah, wurde ihr alles klar. Der Regen, die nasse Strasse, das Rotlicht, ihr Freund Sei, der Lastwagen. „Komm Yui. Wir dürfen nicht länger hier bleiben.“ Erst jetzt bemerkte sie den merkwürdigen Mann, der neben ihr in diesem hellen Licht stand. „Wer sind Sie?“ „Ich bin hier um dich nach Jessod zu begleiten. Komm jetzt.“ Sagte er barsch zum zweiten Mal. Yui sah noch einmal zu Sei, sah ihm in seine verlorenen Augen und fuhr ihm ein letztes Mal durch seine blonden Haare. Dann stand sie auf und folgte dem eigenartigen Mann. Das grelle Licht verschwand mit ihnen und mit dem Licht auch die Starre, die die Menschen befallen hatte. Die Sanitäter liefen weiter auf die Kreuzung, trennten Sei und den leblosen Körper etwas unsanft voneinander und versuchten alles ihnen mögliche, um sie wieder ins Leben zurückzuholen. Doch es war schon zu spät. Yuis Seele war längst auf dem Weg nach Jessod.

Callamari
04.05.2004, 21:12
Wow, spannend!^-^ Ich finde du hast total gut recherchiert..
warst du schon mal in Tokyo? War das eigentlich gewollt, dass du
als du die Unfallsstelle beschrieben hast, die Zeitform gewechselt
hast? Wenn nicht, auch egal, ich finde es hat gut gepasst!^-^
Aber der Teil den du gepostet hast war sehr lang..

Häte ich das jetzt eigentlich in den Kritik-Thread schreiben sollen?

Serelith
04.05.2004, 22:20
Ja der Kritik Thread war eigentlich dafür gedacht *g* Ich schreib die Antwort da rein ;o)

Serelith
13.06.2004, 15:53
Hier die Fortsetzung..

„Wer.. oder was genau bist du?“ wollte Yui wissen. „Ich heisse Toshii, Toshii Takeda. Ich begleite die Seelen der Verstorbenen nach Jessod. Das ist die Welt jenseits von Malkuth, der Welt der Lebenden. Ich bin ein Todesengel“ „Ein.. ein Todesengel?“ „Ja ein Todesengel. Die Zeit, in der die Menschen an Engel, egal welcher Art, glaubten, ist schon lange vorbei. Der Fortschritt der Technik und der Wissenschaft haben uns aus dem Gedächtnis der Menschen gelöscht.“ „Aber.. aber ich hab dich gesehen. Ich hab dich gesehen, wie du in einem gleissenden Licht Daisuke mit dir genommen hast. Ich fühlte, wie das Leben aus meinem Bruder wich.“ Die Erinnerungen an den Tod ihres Bruders liess all die Gefühle wieder in ihr hochkeimen. Yui ging langsamen Schrittes auf Toshii zu. „Kannst du dir vorstellen wie es ist, hilflos zusehen zu müssen, wie der Bruder stirbt? Wie die Hand, die man hält, erschlafft?“ Toshii sah Yui nur mit ausdruckslosem Gesicht an. Doch seine Gedanken kreisten sich um die Frage, warum diese Frau ihn dazumal gesehen hatte. Das war nicht möglich. Lebende Menschen konnten keine Todesengel sehen. Toshii erinnerte sich an den Jungen namens Daisuke. Er wusste nicht warum, doch der stille Junge, der ohne ein Wort zu sagen seinen Tod akzeptiert hatte, war in seinem Gedächtnis geblieben. „Komm. Wir müssen uns beeilen. Wir dürfen uns nicht zulange zwischen den Welten aufhalten“, sagte er kalt zu Yui ohne auf die Fragen von ihr einzugehen. Toshii ging schnelleren Schrittes voran und verschwand in dem gleissenden Licht. Yui sah ihm alleingelassen hinterher. „Wie traurig er ist...“, dachte sie bei sich und ging ihm hinterher.

Als Yui aus dem hellen Licht hinaustrat, sah sie zuerst Toshii, wie er langsam auf ein grosses Gebäude zuging, das am Ende einer Baumallee stand. Warme, lila schimmernde Lichtstrahlen trafen ihr Gesicht und sie sah sich für einen Moment die wunderschöne Landschaft an. Sie hörte das Rauschen des Windes, der durch die Wipfel der Bäume streifte. Vögel die in den Baumkronen ihre Lieder sangen und sie roch den Duft der Blumen und der Kirschblüten, die hier überall wuchsen und in voller Blüte standen. Sie sah auf der rechten Seite der Allee eine grosse Bergkette, deren Gipfel in den Wolken verschwanden. Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie schön es hier war. Es sah beinahe so aus wie auf der Erde. Auch das Gebäude hätte ein Verwaltungsgebäude irgendwo in Japan sein können. In Kyoto zum Beispiel. Dort hatte sie schon mal so ein ähnliches Gebäude gesehen. Vor dem Eingang stand vier grosse Säulen, welche einen Balkon im oberen Stockwerk trugen. Rechts und links gingen lange Flügel weg. Durch die grossen Fenster konnte man geschäftiges Treiben erkennen. Oben auf dem Dach waren noch einmal vier, etwas kleinere Säulen zu sehen, die ein pyramidenartiges Dach trugen.
Es sah hier gar nicht so aus, wie sie sich das Jenseits immer vorgestellt hatte.
„Komm jetzt Yui! Wir sind schon viel zu spät dran!“ rief ihr Toshii zu, der nun vor dem Gebäude auf der grossen Treppe stand. Yui ging ohne eine Antwort zu geben weiter und trat schliesslich ebenfalls auf die grosse Steintreppe. Als sie das Gebäude betraten, befanden sie sich in einer grossen Eingangshalle. Auch hier waren wieder vier grosse Säulen in der Mitte der Halle. Der Blick fiel sofort auf die grosse Treppe die in der Mitte angelegt war. Sie führte in ein oberes Stockwerk, wo sie sich nochmals teilte und weiter hinauf führte. Der Boden, die Treppe und die Säulen waren aus schwarz-weissem Marmor, das Treppengeländer aus Ebenholz und überall gab es Goldverziehrungen. „Wow! So etwas hätte ich nun wirklich nicht erwartet.“ „Folge mir. Wir müssen zum Gericht.“ „Zum Gericht? Zu welchem Gericht? Wird dort entschieden, was mit mir geschieht? So eine Art „vor Gott treten?“ „Nein. Hier wirst du selbst entscheiden, was mit dir geschieht.“ Toshii stieg die Treppe ins erste Stockwerk hoch, lief einen langen Gang hinunter, der ebenfalls mit Gold verziert war und trat durch eine schwere Eichenholztür in einen noch grösseren Saal als es die Eingangshalle war; so schien es zumindest für Yui. Toshii ging bis nach vorne an ein grosses Pult und sagte: „ Fall 11258, Sendai Yui, 20 Jahre alt, Tochter des Sendai Subaru, umgekommen bei einem Verkehrsunfall, als sie ihren Freund, Watanabe Sei, Sohn des Watanabe Yoshihiro, rettete.“ „Aha aha aha.. sehr interessant“, murmelte eine alte Stimme hinter dem Pult hervor. „Tritt näher mein Kind. Ich möchte dich mit meinen eigenen Augen sehen.“ Yui schritt langsam zum Pult hin, doch sie konnte niemanden sehen. „Näher“, forderte sie die schrumplige Stimme auf. Sie beugte sich leicht über das Pult und sah direkt in zwei grosse graue Augen. Ein kleiner, sehr alter Mann sass auf einem rotgepolsterten Stuhl. Seine weissen Haare hatte er zu einem Zopf geflochten und sie reichten bis auf den Boden. „Sehr interessant“, nuschelte der kleine Mann erneut und steckte seine lange Nase wieder in seine Akten. „Ich bin Yun Lee, der Richter hier vor dem Entscheidungsgericht. Nun mein Fräulein, für welchen Weg entscheiden sie sich?“ „Weg? Was für einen Weg? Welche Auswahl habe ich denn?“ „Ah.. stimmt. Ich muss es ihnen ja erst noch erklären. Ich glaube mein Alter macht sich langsam bemerkbar.“ Langsam? dachte sich Yui und sah ihn schief an. Er sah aus wie ein abgemagerter Zwerg. Sie schätzte sein Alter auf über 90. Sein Alter machte sich nicht erst jetzt bemerkbar, sondern hatte ihn schrumpfen und abmagern lassen. Nichts war mehr von seiner früheren Erhabenheit da, die er zweifellos mal gehabt hatte. Das konnte sie an seinen Augen sehen. Denn obwohl sie grau und vom Alter gekennzeichnet waren, strahlten sie Entschlossenheit und Stolz aus.
„Jede Seele die ihren Körper verlassen hat, kommt vor dieses Gericht.“ Fuhr der kleine Mann weiter. „Hier wird zuerst anhand ihrer Taten entschieden, ob sie ewigen Frieden finden dürfen oder zurück auf den Weg der Reinigung gehen, um als Mensch wiedergeboren zu werden. Weiter dürfen gute Seelen selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Wollen sie nach Kether in Aziluth gehen um dort ihren ewigen Frieden zu finden, oder ob sie hier in Jessod, in der Verbindungswelt zwischen Kether und Malkuth bleiben wollen. Entscheiden sie sich für Kether, so geht die Seele weiter auf den 13. Pfad zu Kether. Der Vorteil dieser Wahl ist, dass man sich von allem Leid befreien und in Frieden ruhen kann. Ohne noch einmal die Schmerzen und das Leid, aber auch die guten Seiten des Lebens noch einmal durchleben zu müssen. Die meisten, die hier ankommen, wählen diesen Weg. Es ist der Einfachere und nicht mit dem Leid des Lebens verbunden, der auf jeden wartet.
Der andere Weg ist, hier in Jessod zu bleiben und sich für einen der vielen Berufe hier zu entscheiden. Die Verwaltung von Seelen gibt viel Arbeit und hier können ruhelose Seelen einer Tätigkeit nachgehen.
Dann gibt es noch auserwählte Seelen. Die Seelen, die sich durch einen besonderen Verdienst emporheben. Diese können in ein Engelsamt erhoben werden und erhalten die Möglichkeit nach Malkuth zurückzukehren. Es gibt vier Ämter zwischen denen du dich entscheiden musst. Das Amt des Todesengels, wie es Toshii inne hat. Todesengel begleiten verstorbene Seelen hierher, lösen unnatürliche Todesfälle und helfen verirrten Seelen ihre Ruhe zu finden.
Das Amt des Liebesengels ist, wie der Name schon sagt, für die Liebe zuständig. Er ist für das Gleichgewicht der Liebe in Beziehungen, Familien aber auch Freundschaften verantwortlich. Somit trägt dieser sehr viel für den Frieden bei.
Auch die Natur hat ihre Engel – Naturgeister. Je nachdem wo sie eingesetzt werden, sind sie für das Gleichgewicht in ihrem jeweiligen Sektor verantwortlich. Wir haben viele verschiedene Gebiete, zum Beispiel die Wüste, der Ozean, die Berge, die Steppen, die Regenwälder und noch viele mehr. Würdest du dich für das Amt eines Naturgeistes entscheiden so müsstest du für alle Pflanzen und Tiere sorgen und dich darum kümmern, dass jeder seinen Platz hat.
Und das letzte Amt ist der des Schutzengels. Schutzengel sind diejenigen, die ihre ganze Zeit auf Malkuth verbringen. Bevor du allerdings eines dieser Ämter annehmen könntest, müsstest du vor den jeweiligen Richter treten, der entscheidet ob du dem Amt gerecht wirst oder nicht. Vor die Seelenseherin und Prophetin Ezechiel beim Todesengel, vor den Seraphim Haniel, Beschützerin der Welt Geburah und Richterin bei den Liebesengeln, vor den Erdengel Uriel beim Naturgeist und vor den Lebensbaum Yggdrasil beim Schutzengel. Sie werden dich prüfen und nur sie bestimmen, ob du einer dieser Engel werden kannst. Wenn sie dem zustimmen, musst du eine Ausbildung durchlaufen.

Nun? Für welchen Weg entscheidest du dich?“ „Was geschieht mit den Seelen, die nicht die Wahl zwischen Jessod und Kether haben?“ wollte Yui wissen. „Die schlechten Seelen, die zu ihren Lebzeiten dem Bösen verfallen sind, kommen direkt nach Gehenna – der Unterwelt. Dort durchleiden sie sieben Stufen der Reinigung bis sie wieder als neue und reine Seelen wiedergeboren werden. Sind sie wieder zurück in Malkuth müssen sie sich von neuem Beweisen und vielleicht finden sie dann ihren Weg nach Aziluth. Du siehst.. jede Seele hat die Möglichkeit in Frieden zu ruhen.“ „Werden Schutzengel diesen Seelen zugeteilt?“ Der alte Mann nickte und schloss die Augen. Er wusste bereits für welchen Weg sich Yui entscheiden würde. Er hatte auch nichts anderes erwartet. Aus ihren Augen konnte er Mitgefühl für die verdorbenen Seelen sehen.
„Bringen sie mich zum Lebensbaum Yggdrasil.“ Ein Lächeln huschte durch die Augen des Alten „Gut gut. Toshii kannst du sie hinbringen?“ Toshii, der bis jetzt ganz still und desinteressiert im Hintergrund gewartet hatte, trat nun aus dem Schatten und nickte dem Alten zu. „Natürlich Sempai.“ „Ah.. eine Frage habe ich noch“, Yui drehte sich noch mal um, spähte über den Pultrand und sagte zu dem kleinen Mann: „Hatte ich auch einen Schutzengel?“ „Natürlich. Jede Seele hat einen.“ „Kann ich ihn sehen?“ „Warum?“ fragte der Alte ganz verwundert. „Ich möchte ihm danken, dass er mich beschützt hat.“ Als Toshii diese Worte hörte, trat zum ersten Mal Leben in seine Augen. „Du willst ihm.. danken? Das hat bis jetzt noch niemand gewollt, geschweige denn überhaupt nach seinem Schutzengel gefragt. Wie schön, dass du an ihn gedacht hast.“ Yui nickte. „Nun, es ist nicht möglich seinen früheren Schutzengel zu sehen. Zumindest jetzt noch nicht, aber wer weiss. Vielleicht siehst du ihn zu einem späteren Zeitpunkt. Toshii, kannst du sie nun zum Lebensbaum führen?“ Toshii nickte ein zweites Mal und wandte sich zum Gehen. Yui folgte ihm, ohne noch einmal zurück zu Yun Lee zu blicken. „Sie ähnelt ihr sehr. Sie hat ihr Wesen und auch ihre Gesichtszüge. Vielleicht ist sie diejenige, die Toshii Frieden bringen kann“, sagte Yun Lee zu sich selbst und lächelte in sich hinein.

Ende 1. Kapitel

Serelith
21.12.2004, 20:23
2. Der Lebensbaum Yggdrasil

Der Gang führte zu einem grossen schweren Eisentor. Merkwürdige Verziehrungen und eine Art Schrift waren in und um das Tor herum eingekerbt. Genau in der Mitte leuchtete ein weisser Kreis. Toshii legte seine rechte Hand auf den Kreis und sprach irgendwelche Worte, die Yui nicht verstand aber die ihr dennoch vertraut vorkamen. Plötzlich breitete sich das Licht im Kreis aus und die Verziehrungen fingen ebenfalls an zu leuchten. Mit einem lauten Knarren öffnete sich das Tor. Gähnende Leere trat Yui entgegen. Sie hätte jetzt irgendwas Grosses erwartet, irgendeinen grossen Hund, der etwas bewachte wie zum Beispiel Kerberos in der griechischen Sage. Aber dort war nichts. Nur tiefe Schwärze. Aber die alleine reichte um Yui einen Schauer über den Rücken zu jagen.
Ohne sich auch nur einmal nach ihr umzudrehen, ging Toshii weiter in die tiefe Dunkelheit. Yui folgte ihm zögernd. Doch als sie die Dunkelheit betrat, konnte sie Toshii nicht mehr sehen. Nicht mal seine Schritte konnte man hören. Da war einfach nur nichts.
Die Dunkelheit schien sie wie eine warme Decke zu umschliessen. Sie fühlte sich überraschenderweise wohl und geborgen. Yui hatte das Gefühl zu fliegen, denn man konnte weder erkennen wo oben und unten war, geschweige denn die eigene Hand vor Augen sehen.
„Toshii? Wo bist du?!“
„Hier. Du brauchst mir nicht ins Ohr zu schreien.“
„Oh. Entschuldige. Wo sind wir hier?“
„Im Raum zum Nichts.“
„Im Nichts? Wie soll ich das verstehen?“
„Hast du Angst?“
„Nein. eigenartigerweise nicht. Ich fühl mich sogar wohl.“
„Die ersten Seelen wurden aus dem Nichts erschaffen. Jede Seele, die heute in Jessod, Malkuth, Gehenna oder Kether ist, stammt von diesen ersten Seelen ab. Also wurdest du sozusagen psychisch hier geboren. Darum fühlst du dich hier auch nicht fremd. Das Nichts ist die Mutter jeder Seele auf Malkuth“, schloss Toshii seine Erklärung. Jede Seele wird hier geboren? Warum gerade im Nichts? Und wer erschuf dann diese ganzen Seelen? Gott? Mit seiner Erklärung hatte Toshii nur mehr Fragen aufgeworfen, als das er welche beantwortet hätte. Doch Yui fragte nicht weiter nach, denn sie spürte, dass Toshii nicht reden wollte. Er war wohl allgemein eher ein ruhiger Typ. Jedoch spürte sie, dass er sehr leiden musste. Als sie sich auf der Kreuzung das erste mal sahen, konnte sie kurz in seine schönen, tiefblauen Augen sehen. Sie schrieen förmlich nach Hilfe, doch er würde dies nie zugeben. Unweigerlich keimte in ihr die Frage auf, warum er wohl so traurig war.
Tief versunken in ihre Gedanken bemerkte Yui erst gar nicht, wie ein schwacher Lichtschimmer ganz weit vor ihr zu erkennen war. Als das Licht langsam stärker wurde und schon einige Lichtstrahlen Schatten hinter ihnen warfen und den Gang, den Raum oder wo immer sie sich gerade befanden, erleuchtete, konnte Yui an den Wänden etwas erkennen. Etwas dickes, Langes streckte sich ihnen an den Wänden entgegen. Sie dachte zuerst an Schlangen oder ähnliches Getier, doch sie bewegten sich nicht. Sie schienen einfach nur an den Wänden zu kleben und sich nicht zu rühren. Mit der Zeit konnte sie eine Struktur auf den Schlangen erkennen. Sie hatten tiefe Falten und an manchen Stellen wieder grosse Buckel. Dann konnte sie hie und da Schuppen sehen, die sich von dem Körper zu pellen schienen. Yui konnte ihrem inneren Drang, die Schlange einmal zu berühren, nicht widerstehen. Schon als sie noch lebte, fühlte sie sich mit den Pflanzen und Tieren eng verbunden. Sie hatte weder Scheu sie anzufassen, noch schreckte sie vor irgendetwas zurück. Sie war neugierig und wollte wissen, was für ein Tier genau es war. Yui blieb stehen und sah zu einer Schlange hin, die sie anzustarren schien. Langsam schritt sie auf das Tier zu, streckte ihre Hand aus und war kurz davor sie zu berühren.
„Halt! Yui was tust du da?!“
Yui fuhr zusammen. Sie konnte fühlen wie Toshii näher kam, ihre Hand ergriff und sie von den Schlangen wegzog.
„Was tust du da? Du darfst die Wurzeln nicht anfassen!“
„Ich.. ich dachte es wäre ein Tier. Tut.. tut mir leid.“
Toshii ging nicht auf ihre Entschuldigung ein und zog sie weiter mit sich.
„Woher wusstest du, was ich tue?“
„Ich spüre was du tust.“
Yui wollte gerade weiterfragen, doch sie konnte nicht zu Wort kommen.
„Frag mich nicht woher. Das konnte ich schon immer. Schon als ich lebte“, beantwortete Toshii Yuis unausgesprochene Frage.
„Warum darf ich sie nicht anfassen?“
„Es sind Yggdrasils Wurzeln. Wenn du sie anfasst, ohne ihn um Erlaubnis gefragt zu haben, wirst du verschwinden. Deine Seele wird ausgelöscht und du wirst nie wiedergeboren werden. Du existierst dann nicht mehr.. in keiner Dimension.“
Yggdrasils Wurzeln, dachte sich Yui. Wie gross musste dieser Baum sein, wenn man schon hier seine Wurzeln sehen konnte. Die restliche Zeit wich Yui gezwungenermassen nicht mehr von Toshiis Seite. Er hielt sie immer noch an der Hand, ob bewusst oder unbewusst konnte sie nicht sagen. Es war ihr aber nicht unangenehm. Toshii hatte etwas an sich, dass sie magisch anzog. Ob nun seine Verschlossenheit, sein offensichtlicher Schmerz oder sein nicht unattraktives Aussehen. Es lag wohl an allem zusammen. Sie konnte seinen Schmerz sehen und ihn auch beinahe fühlen. Wer weiss, wie lange er den schon mit sich rumtrug.
„Wir sind da.“
Toshiis Worte riss sie aus ihren Überlegungen.
„Wo? Ich kann gar nichts sehen.“
Toshii murmelte wieder etwas in dieser komisch vertrauten Sprache. Dieselben Verziehrungen wie am Tor leuchteten nun wieder im Nichts auf. Daraufhin verschwand diese schwarze Eintönigkeit und vor ihnen tat sich eine riesengrosse Halle auf. Der Blick fiel direkt auf einen gigantischen Baum, der in der Mitte der Halle auf einer Insel stand. Um die Insel herum zog sich ein breiter Ring aus kristallklarem Wasser, welches am Ende in die unendlichen Tiefen des Nichts fiel. Gespiesen wurde der Wasserring von einem gewaltigen Wasserfall hinter dem Baum. Kleine Lichter tanzten um den Baum, verschwanden auf der einen Seite in den Ästen und kamen auf der anderen Seite wieder zum Vorschein. Die gesamte Halle war von einem bläulichen Licht erfüllt. So etwas Wundervolles hatte Yui noch nie gesehen.
„Komm und fass nichts an“, sagte Toshii schroff. Yui folgte ihm dicht auf bis sie zum Wasserring kamen. Dort blieb Toshii stehen. Er murmelte wiederum etwas in dieser vertrauten Sprache, als sich plötzlich eine steinerne Brücke aus dem Wasser erhob. Sie war ganz schlicht und einfach gehalten. Sie passte irgendwie nicht zu ihrer traumhaften Umgebung. Toshii ging weiter über die Steinbrücke, doch Yui blieb aus einem ihr unerfindlichen Grund stehen. Sie zögerte. Da schwebte so ein kleines Licht, das um den Baum getanzt war zu ihr herunter. Es setzte sich auf den Boden und zum Vorschein kam ein kleines weisses Männchen mit bizarrem Gesicht. Es sah aber nicht furchterregend aus. Nein, es war ganz niedlich. Yui kniete sich zu ihm herunter und streckte langsam ihre Finger nach dem kleinen Männchen aus. Vergessen war Toshiis Warnung nichts anzufassen. Dieses kleine Männchen übte auf sie eine Faszination aus, der sie nicht widerstehen konnte. Auf einmal drehte der kleine Kerl seinen Kopf zur Seite und lies ihn zurückschnellen. Dabei erklang ein knackendes Geräusch, wie von einer Rassel. Yui zögerte kurz, doch dann streckte sie ihre Finger noch weiter aus und berührte das kleine Männchen. Es schien sie anzulächeln. Toshii war schon fast am anderen Ende der Brücke angelangt, als er dieses bekannte Geräusch hörte. Er drehte sich um, doch Yui war nicht hinter ihm. Er sah sie am Brückenanfang auf dem Boden knien. Vor sich ein kleines weisses Männchen. Sie streckte ihm gerade ihre Hand entgegen.
„Nein! Yui nein!!“ schrie Toshii, aber es war schon zu spät. Sie hatte es bereits berührt. Toshii machte sich schon auf das Schlimmste gefasst, doch zu seiner Überraschung passierte nichts. Das kleine Männchen hüpfte sogar von selbst auf Yuis Hand. Toshii konnte es nicht fassen. In all den Jahren hatte er schon ein paar Seelen verloren, weil sie die Wurzeln von Yggdrasil oder die kleinen Kodamas angefasst hatten, bevor sie mit Yggdrasil selbst gesprochen hatten. Doch noch nie widerstand eine Seele diesem Fluch, bevor sie die Erlaubnis des Baumes hatte.
„Ha.. wie niedlich. Komm setz dich auf meine Schulter. Ich bring dich zum Baum.“
Das kleine Männchen trabte fröhlich Yuis Arm entlang auf ihre Schulter, setzte sich hin und lächelte sie an. Yui stand auf und war im Begriff weiterzugehen, als sie Toshiis versteinertes Gesicht sah. Plötzlich erhob sich ein leichter Wind aus dem Nichts. Er strich durch Yuis schwarzes, schulterlanges Haar und lies ihr langes, weisses Kleid tanzen. Toshiis traurige Augen sahen sie verwundert an. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie hübsch Yui eigentlich war. Er hatte sie vorhin ja nie wirklich angesehen. Doch schlagartig schob sich das Bild von einer anderen Frau vor Yui - Yumi. Sie sah ihr zum verwechseln ähnlich. Dass dies ihm nicht schon früher aufgefallen war? Hatte er Yumi bereits schon fast vergessen? Diese Frage erschreckte ihn und er wandte sich ab und ging weiter.
„Er ist so traurig, findest du nicht auch?“ fragte Yui ihren kleinen Freund, doch der sah sie nur an und lächelte. Und so ging sie weiter über die Brücke, bis sie schliesslich neben Toshii unter dem riesigen Baum stand.
„Komm mein Kleiner. Geh nun.“
Yui nahm den kleinen Mann und setzte ihn auf einer grossen, knorrigen Wurzel ab, die fast so gross war, wie sie selbst.
„Was sind das eigentlich für kleine Wesen?“
„Kodamas. Die Baumgeister und Kinder von Yggdrasil. Ist.. ist alles in Ordnung?“
„Ja, mir geht es gut. Warum?“ sagte Yui verblüfft. Toshii ging nicht auf ihre Gegenfrage ein. Sie sah ihn verwundert an. Er fragte sie, ob alles in Ordnung sei. Er kannte also doch, neben Traurigkeit und Wut noch andere Gefühlszustände. Na immerhin, dachte Yui erleichtert.
„Stell dich nun in den Kreis da vorne“, er zeigte auf eine Stelle direkt vor dem Baum. Wieder diese Zeichen, dachte Yui während sie in den Kreis trat. Plötzlich war sie umhüllt von grellem Licht. Eine hohe Lichtsäule hatte sich um sie herum gebildet und sie wurde emporgehoben. Äste kamen auf sie zu und umwickelten ihren Körper. Die Lichtsäule erlosch und sie wurde alleine von den Ästen getragen. Ein dicker Ast kam auf sie zu und hörte direkt vor ihr auf zu wachsen. Ein kleiner Kodama spazierte auf dem Ast zu ihr mit einer grossen weissen Blume in der Hand. Für ein ungeübtes Auge sahen diese kleinen weissen Männchen wohl alle gleich aus, doch Yui erkannte ihn sofort. Es war derselbe kleine Kerl, der auf ihrer Schulter gesessen hatte. Wieder lächelte er sie unverwandt an. Als er am Ende des Astes angekommen war, streckte er ihr die Blume entgegen.
„Danke. Sie ist wunderschön.“
Yui nahm sie in ihre Hände und sah sie bewundernd an. Noch nie hatte sie eine so schöne Blume gesehen. Sie sah aus wie eine Lilie nur viel schöner. Ihre Blütenblätter waren gross und seidenweich. In der Mitte streckten sich ihr vier goldgelbe Stempel entgegen. Auf einmal fing die Blume an zu leuchten und ihre Blüten färbten sich tiefblau.
„Was.. was ist denn jetzt?“
Der kleine Kodama nahm ihr die Blume wieder aus der Hand und verschwand im dichten Geäst von Yggdrasil. Die Lichtsäule umhüllte sie erneut. Die Äste, die sie getragen hatten, gingen wieder zurück und Yui schwebte langsam auf den Boden zurück.
„Was war denn das?“
„Yggdrasil hat entschieden, dass du Schutzengel werden kannst. Die Blume wurde blau. Wäre sie rot geworden, wäre dir das Amt verwehrt geblieben. Nun komm, wir müssen zurück und dich deinem Ausbilder vorstellen.“
Damit drehte sich Toshii um, ging über die Brücke und verschwand im Dunkeln. Als Yui ihm folgen wollte, zupfte plötzlich etwas an ihrem Kleid. Der kleine Kodama stand wieder neben ihr und streckte ihr seine kleinen Ärmchen entgegen.
„Na was ist denn mit dir? Möchtest du dich verabschieden?“
Sie nahm den kleinen Kerl auf ihre Hände. Da stieg er wieder auf ihre Schulter und zeigte mit seinem Arm auf die Stelle, wo Toshii verschwand.
„Du willst mitkommen?“
Der Kodama lächelte sie an, drehte seinen Kopf und liess ihn wieder so rasseln wie das letzte Mal.
„Aber ist denn deine Mutter einverstanden? Ich weiss nicht ob ich das darf.“
Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, als ein feiner Ast auf sie zukam und sie Richtung Brücke schubste.
„Ich darf ihn mitnehmen? Ist ja süss. Danke vielmals grosser Baum Yggdrasil. Ich werde gut auf ihn aufpassen.“
Yui winkte Yggdrasil nochmals zu und ging dann ebenfalls über die Brücke weiter in die Dunkelheit. Eine neue blaue Blüte verzierte das Blätterdach des Baumes. Doch die Blüte war viel grösser und genau in der Mitte des Baumes. Sie hatte auch ein viel tieferes und doch leuchtenderes Blau als all die Anderen.

Der Rückweg war viel kürzer als der Hinweg. Schon nach kurzer Zeit konnte sie das Leuchten der Schrift auf der grossen Eisentür sehen. Toshii stand daneben und wartete auf sie. Als er sah, dass ein Kodama auf ihrer Schulter sass, konnte er es fast nicht glauben:
„Yui! Du darfst ihn nicht mitnehmen! Bring ihn zurück!“
„Nein Toshii. Yggdrasil hat es mir erlaubt. Der kleine Kerl stieg von alleine auf meine Schulter und wollte mitkommen. Ich habe den Baum gefragt und er war einverstanden.“
Toshii überraschte nun gar nichts mehr. Er seufzte und ging weiter.
„Komm.. ich bringe dich zu deinem Ausbilder.“
Sie ist wirklich anders als die anderen, dachte sich Toshii. Noch nie hatte er so etwas erlebt. Und er war nun schon seit fast 500 Jahren ein Todesengel. Irgendwie war sie ihm etwas unheimlich und doch so vertraut. Als er darüber nachdachte, fiel ihm auf wie viele Parallelen es zu Yumi gab. Sie war ebenfalls so unerschrocken und neugierig gewesen. Ein stechender Schmerz in seinem Herzen liess ihn die Gedanken an Yumi wieder verdrängen. Er war selbst nach 500 Jahren noch nicht bereit, sich damit auseinander zu setzen.

Serelith
21.12.2004, 20:25
Toshii und Yui verliessen das grosse Verwaltungsgebäude. Als sie aus der grossen Eichentür hinaustraten, schickte ihnen die Sonne warme Strahlen entgegen. Yui musste die Augen schliessen, denn das Licht brannte in ihren, an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Auch der kleine Kodama blinzelte angestrengt in die neue, ihm unbekannte Welt.
„Ich bringe dich jetzt ins Ausbildungszentrum Yetzirah. Dort wirst du deinem Lehrmeister und deiner Klasse zugeteilt und dann ein Zimmer in deinem Haus beziehen“, leierte Toshii herunter. Er musste diese Sätze sicher schon milliardenmal gesagt haben. Mit seinen grossen, ausladenden Schritten ging er Yui voran. Sie gingen dem Verwaltungsgebäude entlang bis an sein Ende, dann durch ein grosses Tor und um das grosse Gebäude herum. Dahinter befand sich Wasser so weit das Auge reichte. Drei Wege führten vom Richtergebäude weg aufs Meer hinaus zu drei grossen Inseln. Eine je auf der rechten und linken Seite und eine etwas weiter hinten in der Mitte. Hinter den beiden äusseren Inseln konnte Yui noch zwei weitere sehen. Die vier äusseren Inseln waren durch schmale Wege miteinander verbunden, die zusammen ein Quadrat formten. Zusätzlich war jede der vier Inseln mit der Mittleren durch einen breiteren Weg verbunden.
„Das hier ist Yetzirah. Hier sind die sechs Welten Jessod, Hod, Netzach, Tipheret, Geburah und Chesed. Das Richtergebäude hier ist Jessod. Die Insel in der Mitte ist Tipheret und das Zentrum von Yetzirah. Dort wirst du dich ausruhen und deine Freizeit verbringen können. Die anderen vier Inseln sind die Ausbildungsstätten des jeweiligen Engelsamtes. Auf Hod, der Insel vorne links, befindet sich das Haus des weissen Tigers. Dort werden die Naturgeister ausgebildet. Auf der rechten Seite ist die Insel Netzach. Die Schule der Todesengel im Haus der schwarzen Schildkröte. Die hintere Insel auf der linken Seite ist Geburah. Die Insel der Liebesengel, die im Haus des roten Phönix ihre Ausbildung absolvieren. Schliesslich noch die hintere Insel auf der rechten Seite, Chesed. Dort wirst du deine Ausbildung antreten im Haus des blauen Drachen“, erklärte Toshii ihr während sie auf dem Weg zu ihrer neuen Schule waren. Yui fiel auf, dass jede Insel ihre eigene Farbe hatte. Die Häuser, Blumen und Bäume waren in der jeweiligen Farbe. Die mittlere Insel Tipheret leuchtete beinahe in blassem gelb. Es hatte eine beruhigende Wirkung auf Yui. Kein Wunder also war diese Insel die Stätte, wo man sich ausruhen konnte. Rechts die Insel der Todesengel war mehrheitlich grün. Yui konnte weite Felder sehen mit einzelnen Bäumen. Auf einer kleinen Anhöhe konnte sie die Schule sehen. Es war, wie der Name schon sagte, ein schwarzes Haus. Dort also hatte Toshii seine Ausbildung erhalten. Wie lange war das wohl schon her? Yui hätte gerne mehr über diesen geheimnisvollen Mann erfahren, denn seit sie ihn bei dem Tod von Daisuke gesehen hatte, war er ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Wie viele Thesen sie aufgestellt hatte, was er sein könnte. Was er mit Daisuke gemacht hatte. Und nun stand er vor ihr und sie getraute sich nicht, ihn zu fragen. Innerlich verfluchte sie sich und ihre Feigheit. Ohne miteinander zu sprechen gingen Toshii und Yui hintereinander her, bis sie die Insel Tipheret erreichten. Yui fühlte sich hier sofort wohl und geborgen. Ein Wald aus Kirschbäumen, Zedern, Trauerweiden und vielen anderen Bäumen bildete das Herz der Insel. Um den Wald herum lagen saftige Wiesen mit wunderbar duftenden Blumen.
„Der Wald in der Mitte ist der Nebelwald. Komm jetzt. Wir sind wie immer spät dran.“
Sie folgten einem kleinen Fluss bis zu einer kleinen Steinbrücke, überquerten diese und traten in den Nebelwald ein. Nun konnte Yui auch verstehen, warum er so hiess. Der Waldboden war bedeckt von Nebelschwaden und nur ganz wenig Licht trat durch das dichte Blätterdach hinein. Auch hier schwebten kleine Lichter durch die Luft, wie schon beim Lebensbaum Yggdrasil. Es war aber nicht unheimlich. Man konnte Vogelgesang hören und das Rauschen der Blätter war beruhigend. Die kleinen Lichter und die Kirschblüten, die langsam zu Boden fielen, verleihten dem ganzen eine romantische Stimmung.
„Fast wie bei deiner Mutter was?“ sagte Yui zu ihrem kleinen, neuen Freund.
„Da fällt mir ein.. ich muss dir ja noch einen Namen geben. Hmm.. wie soll ich dich nennen?“
Der kleine Mann sah Yui mit einem Lächeln an. Er drehte seinen Kopf und liess ihn wieder rasseln.
“Ich werde dich einfach Tomo nennen. Schliesslich bist du ja mein Freund oder?“
Ein herzliches Lächeln von Tomo bejahte diese Frage. Yui nahm den kleinen Kerl von der Schulter in ihre Hände, hielt ihn hoch und küsste ihn auf seine kleine Stirn. Toshii konnte es nicht verstehen. Warum hatte Yggdrasil es zugelassen, dass Yui diesen kleinen Kodama mitnehmen konnte. Er war nun so lange schon ein Todesengel und niemand durfte bis jetzt einen kleinen Kodama anfassen, geschweige denn mitnehmen. Was hatte das alles nur zu bedeuten? Doch solange Toshii auch darüber nachdachte, er fand keine Antwort. Aber was solls. In ein paar Minuten ging ihn das alles nichts mehr an. Und mit diesen Gedanken im Kopf verliess Toshii mit Yui den Nebelwald, weiter über einen schmalen Weg hin zu der blauen Insel Chesed. Hier wuchsen überall blaue Blumen und auch die Bäume und die einzelnen Häuser hatten einen bläulichen Schimmer. Schliesslich standen sie vor einem grossen Haus mit blauem Dach. Das Dach wurde geziert von einem riesigen Drachen, der sich schützend über das Haus zu beugen schien. Toshii stieg die steinernen Treppen hinauf, welche von einem reich verzierten Geländer gesäumt waren. Auf jedem Pfosten sass ein kleiner Drache, der sie argwöhnisch zu beobachten schien. Die Halle, in der sie nun standen nachdem sie die leichte blaue Schiebetür geöffnet hatten, war nicht so prunkvoll, wie diese im Verwaltungsgebäude. Hier war alles schlichter und einfacher gehalten, was Yui auch nichts ausmachte. Aber auch hier war eine grosse Treppe der Mittelpunkt. Auch sie teilte sich in der Mitte und führte zu zwei Seiten nach oben. Toshii ging zielstrebig die grosse Treppe nach oben, folgte einem kleinen Gang und blieb schliesslich vor einer Schiebetür stehen.
„Hier, dein Klassenzimmer.“ Mit diesen Worten öffnete er die Schiebetür und trat ein.
„Entschuldigen sie die Störung, aber ich bringe ihnen eine neue Schülerin Azuma-sama.“
„Ah, Toshii. Schön dich mal wieder zu sehen. Aber wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst.“ Ein grossgewachsener Mann mit schwarzen Haaren trat auf Toshii zu und umarmte ihn. Toshii schien dies peinlich zu sein vor all den anderen Schülern, die sich noch im Raum befanden.
„Äh ja. Also hier ist nun die neue Schülerin – Sendai Yui. Wir kommen gerade von Yggdrasil.“
Yui trat hinter Toshii hervor, um sich ihrem neuen Lehrer und Kameraden vorzustellen. Noch bevor sie irgendein Wort sagen konnte, ging ein überraschtes Raunen durch die Klasse. Auch Azuma, der Lehrer, sah Yui zuerst etwas überrascht an.
„Was.. was ist denn das da auf deiner Schulter?“ fragte er.
„Das ist Tomo.. und ich bin Yui. Freut mich auch euch kennenzulernen“, sagte Yui ganz selbstverständlich und verbeugte sich vor den irritierten Leuten. Azuma sah Toshii verwundert an, doch der zuckte nur mit den Schultern.
„Aber.. aber das ist doch ein Baumgeist. Ein Kodama von Yggdrasil. Wie.. wie kannst du ihn einfach mitnehmen?“ fragte eine Stimme hinter Azumas Rücken. Yui suchte die Stimme um und sah ein Mädchen mit langen, feuerroten Haaren. Ihre grünen Augen blitzten richtig vor Neid und Abneigung.
„Yggdrasil hat es mir erlaubt“, antwortete Yui ganz ruhig. Ein weiteres, noch lauteres Raunen ging durch den Raum. Dann herrschte ein paar Minuten verblüfftes Schweigen.
„Äh nun ja. Sehr aussergewöhnlich. Aber kehren wir nun zum Unterricht zurück. Setz dich doch an irgendeinen freien Platz Yui.“ Gleich boten ihr einige Schüler, vor allem die zwei Männlichen, einen Stuhl neben ihnen an. Yui setzte sich schliesslich neben ein schüchternes Mädchen mit einem langen braunen Zopf und einer grossen Brille auf ihrer Nase. „Hallo.. ich bin Sendai Yui. Schön dich kennenzulernen“, sagte sie und streckte dem scheuen Mädchen ihre Hand hin. Das Mädchen wich zurück und verbarg ihre Hände.
„Nicht.. bitte nicht berühren. Ich kann es nicht steuern.“
„Was kannst du nicht steuern?“
„Wenn du mich berührst, kann ich deine Gedanken und Gefühle wahrnehmen.“
„Yukari hat ihre Kraft nicht unter Kontrolle. Ist ja nicht anders zu erwarten bei so einer feigen Person wie ihr“, lästerte das Mädchen mit den feuerroten Haaren.
„Halt die Klappe Miharu! Du bist nicht besser oder hast du den kleinen Zwischenfall vergessen, bei dem du fast das ganze Haus abgefackelt hättest?“ der Junge mit den schönen blau-violett schimmernden Haaren sah Miharu mit herausforderndem Blick an.
„Hört auf jetzt. Niemand von euch kann die Kraft die euch zugeteilt wurde, beherrschen. Also masst euch nicht an über andere zu richten!“ wies Azuma Mori seine Schüler zurecht.
„Das macht mir nichts aus Yukari.. stimmts? Ich habe nichts vor dir zu verbergen, also gib mir schon deine Hand.“
Yui streckte Yukari erneut die Hand hin. Langsam und zögernd nahm Yukari die Hand von Yui. Lange sahen sie einander nur an. Dann entspannte sich Yukari plötzlich und lächelte Yui warm und herzlich an.
„Ha.. hallo. Ich bin Yukari Kanoe.“
„Ich gehe dann wieder Azuma.“
Toshii sah Yui noch einmal an, wie sie von den anderen Schülern umringt wurde und alle bewundern Tomo anstarrten. Jedoch ohne ein weiteres Wort an sie zu richten, verliess er das Zimmer.

„Wie kam es dazu, dass du ein Kodama mitnehmen durftest?“
„Was hat Yggdrasil zu dir gesagt?“
„Wie bist du gestorben?“
Yui wurde mit Fragen förmlich überschüttet.
„So Schluss jetzt. Das alles könnt ihr in der Mittagspause mit Yui besprechen, aber jetzt haben wir Schule“, sagte Herr Mori bestimmt.
„Also um dich.. euch“, korrigiert Herr Mori, als er Tomo ansah, „richtig bei uns zu begrüssen, schlage ich vor, dass wir uns nacheinander vorstellen. Ich fang gleich damit an: Also ich bin Azuma Mori, du kannst mich ruhig Azuma nennen. Ich bin dein Ausbilder in den nächsten drei Jahren. Ich werde versuchen dir beizubringen, was du alles als Schutzengel wissen musst. Den anderen natürlich auch. Solltest du irgendein Problem oder Fragen haben, egal welcher Art, dann kannst du zu mir kommen. Ich bin für euch alle da. Und um Gerüchten vorzubeugen: Ich starb, als ich meinen kleinen Sohn aus einem Fluss rettete. Er überlebte, aber wie ihr seht, hab ich es nicht geschafft. Ich war dann ebenfalls für lange Zeit ein Schutzengel. Und ich hatte das grosse Glück, dass ich für meine Nichte da sein durfte. Mein Sohn hatte eine Tochter, welche ich bis an ihr Lebensende schützte. Als sie starb und den Weg nach Aziluth wählte, wurde ich hier Lehrer und unterrichte seitdem die Schutzengelanwärter. So.. jetzt ist jemand von euch dran. Miharu fängst du an?“
Sofort sprang dieses Mädchen mit den feuerroten Haaren auf und fing an ihre Geschichte zu erzählen.
„Ich heisse Miharu Domoai und bin 18 Jahre alt. Ich bin seit einem Monat hier in Ausbildung. Ich starb, als ich mir zwei völlig fremde Menschen aus einem brennenden Haus rettete.“
Da sah Miharu Anerkennung heischend sich in der Klasse um. Diese tat auch, was von ihr erwartet wurde und ein doch etwas eher gezwungenes Raunen ging durch die Reihen. Diese Geschichte hatten sie nun schon so oft gehört, dass es längst nicht mehr aufregend war oder betroffen machte. Nur zwei andere Mädchen sahen bewundernd zu Miharu auf. Sie waren wohl ihre Freundinnen.
„Nun bin ich hier um ein grossartiger Schutzengel zu werden!“
Mit diesem, etwas zu lauten und hochnäsigen Satz beendete sie ihre Lebensgeschichte. So kamen alle der etwa sieben Schüler an die Reihe, bis schliesslich Yui als Letzte ihre Geschichte erzählte:
„Also ich heisse Yui Sendai und das ist Tomo, wie ihr ja schon wisst. Ich bin 20 Jahre alt und starb gestern Abend in Tokio. Mein Freund Sei und ich waren gerade auf dem Weg zum Daikanyama einem grossen Einkaufszentrum in Tokio, wobei wir die grosse Kreuzung beim Bahnhof überqueren mussten. Es fing gerade an zu regnen und die Strassen waren glitschig. Wir hatten bereits die andere Strassenseite erreicht, als ich sah wie ein Laster auf Sei zuraste. Sei war wie gelähmt und rührte sich nicht. Ich stiess ihn weg und wurde dabei von dem Laster erfasst. Dann starb ich in den Armen von meinem Freund.“
Betroffenes Schweigen herrschte in der Klasse.
„Nun.. dann kam Toshii und holte mich nach Jessod. Den Rest kennt ihr ja wahrscheinlich schon, denn euch wird es wohl ähnlich ergangen sein.“
„Aber wie kamst du dazu den kleinen Baumgeist mitzunehmen?“ stellte nun Azuma selbst die Frage, die schon vorhin von einem anderen Schüler gestellt wurde und die er dann auf die Mittagspause verschieben wollte.
„Er kam zu mir als ich vor der steinernen Brücke war. Tomo war so niedlich als er vor mir stand, da konnte ich einfach nicht widerstehen und fasste ihn an.“
„Du hast ihn angefasst ohne vorher mit Yggdrasil gesprochen zu haben?“ fragte Azuma fassungslos.
„Aber.. aber das ist unmöglich. Ich meine.. jeder andere wäre verschwunden und würde nicht mehr existieren. Wie .. wie..“, plötzlich hielt Azuma und ermahnte sich innerlich selbst. Er war hier das Vorbild und durfte sich nicht so gehen lassen.
„Ja das mit dem Verschwinden hat mir Toshii auch schon gesagt. Aber es ist ja nichts passiert. Ausserdem hat mir Yggdrasil Tomo selbst mitgegeben. Vielleicht ist ja deswegen nichts passiert, weil er wollte, dass ich ihn mitnehme.“
„Ja.. ja ja. Das wird’s wohl gewesen sein“, sagte Azuma um Fassung bemüht. In dem Moment läutete auch schon die Pausenglocke.
„Nun.. dann also sehen wir uns in zwei Stunden wieder. Ich wünsche euch einen guten Appetit“, sagte Azuma. Geschäftiges Treiben kam in die Klasse. Gleich scharten sich alle Schüler ausser Miharu und ihre drei Freundinnen um Yui und wollten mehr über sie wissen. Miharu stürmte aus dem Raum, als sie merkte, dass nicht ihr sondern Yui die ganze Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die beiden Mädchen, die sie vorhin so bewundernd angesehen hatten, folgten ihr auf dem Fusse. Ein drittes Mädchen mit dunkelblonden Haaren und geheimnisvollen grünen Augen, das sich vorhin als Kikyo Enoki vorgestellt hatte, trat zuerst zu Yui, schüttelte ihr die Hand und sagte:
„Freut mich dich kennenzulernen. Ich hoffe wir werden eine gute Zeit miteinander haben.“
Daraufhin verliess sie dann ebenfalls den Raum.
„Kikyo ist nett“, sagte Yui, „aber was mit den anderen dreien ist, weiss ich nicht.“
„Ach.. mach dir keinen Kopf darum“, bemerkte ein grossgewachsener Mann mit auberginefarbenem, kurzem Haar, der Sorata hiess. Seine blauen Augen stachen richtig aus seinem Gesicht hervor und konnten mit Sicherheit jede Frau um den Verstand bringen. Er ist sicher der Älteste hier.. wahrscheinlich sogar älter als ich, vermutete Yui leise.
„Miharu ist nur eingeschnappt, weil sie eine neue Konkurrentin bekommen hat. Diese Show zieht sie jedes Mal ab. Ich weiss gar nicht warum Kikyo überhaupt mit der zusammen rumhängt.“
„Hey kommt ihr nun oder wollt ihr die ganze Mittagspause in diesem Zimmer verbringen?“ rief ein anderer Junge von der Tür aus zu.
„Ja ja.. mach nicht so einen Stress Emi. Wir kommen ja.“
„Den letzten beissen die Affen!!“ schrie Emi und weg war er. Man konnte gerade noch seine wilden, halblangen Haare sehen. Sorata hechtete ihm nach und rief zu Yui:
„Komm schon oder willst du vom Affen gebissen werden?“
Und weg war auch er. Yui zögerte nicht lange und war auch schon im Begriff Sorata und Emi nachzusprinnten. Da hielt sie plötzlich inne, drehte sich um und sagte zu Yukari, die etwas verloren im Zimmer stand:
„Komm.. wir gehen. Den beiden zeigen wir, wen der Affe hier beisst.“
„Ich.. ich weiss nicht. Ich bin noch nie mit den beiden Essen gegangen. Ich war sonst immer alleine.“
„Na dann wird’s aber höchste Zeit, dass du mal unter die Menschen kommst!“ sagte Yui, zwinkerte Yukari zu und nahm sie an der Hand. Beide zusammen stürmten sie aus dem Zimmer. Dem kleinen Tomo schien es zu gefallen, denn man konnte noch seinen rasselnden Kopf hören.

Serelith
21.12.2004, 20:27
3. Schatten der Vergangenheit

Fliegende Haare, ein wallendes weisses Kleid. Eine Gestalt fällt wie in Zeitlupe zu Boden. Ein dumpfer Schlag. Blut, überall Blut. Es breitet sich langsam, aber unaufhaltsam immer weiter auf den Tatamimatten aus.
„Toshii!!“
Schweissgebadet wachte Toshii auf. Schon wieder dieser Traum. Er wusste schon lange nicht mehr, wann er angefangen hatte. Hatte er diesen Traum schon, als er noch lebte? Oder erst seit er ein Todesengel geworden war? Es konnte ihm ja eigentlich auch egal sein. Er war davon überzeugt, dass er ihn nie mehr loswerden würde. Toshii warf die Decke zurück und setzte sich hin. Mit der schweissnassen Hand fuhr er sich durch seine braunen, kurzen Haare.
Ihr Tod war nun schon so lange her und trotzdem schmerzte ihn jeder Tag, jeder Augenblick ohne sie noch so sehr wie am Anfang. Warum war es geschehen? Warum musste Yumi sterben? Aber egal wie oft er sich diese Frage stellte, er bekam und würde nie eine Antwort auf diese Frage bekommen.
Yumi – sie war so schön. Sie war sein Leben. Sie war die Erste gewesen, die ihn ganz in ihre Familie aufgenommen hatte.
Toshii war der Sohn einer armen Bauernfamilie. Bei einer der zahlreichen Schlachten in der Muromachi-Periode kam seine gesamte Familie ums Leben. Lange streifte er umher, bis er schliesslich ganz erschöpft und dem Hungertod nahe vor dem Haus der Takedas, einer mächtigen Samuraifamilie, zusammenbrach. Der Gärtner der Familie fand den völlig abgemagerten Jungen und brachte ihn ins Haus. Das Oberhaupt der Familie, Yosuke Takeda, war einverstanden Toshii bei sich aufzunehmen, wenn er dafür arbeitete. So arbeitete er rund um die Uhr. Er wusch das dreckige Geschirr ab, putzte das ganze grosse Haus, wusch die Wäsche und pflegte den Garten. Eines Tages, als Toshii gerade dabei war die Veranda zu putzen, kam er am Dojo vorbei. Dort trainierte gerade der einzige Sohn des Clanoberhauptes, Ashikaga, in seiner Kendokunst. Toshii war wie gebannt. Der blitzende Stahl des Schwertes, die raschen aber genauen Bewegungen, die Konzentration. Das war es. Das wollte er auch lernen. Nur wie? Einem unbedeutenden kleinen Diener brachte man kein Kendo bei. Man braucht nicht zu wissen, wie man ein Schwert führt, wenn man putzen muss. Das war auch Toshii klar. So behielt er seinen Traum lange für sich, bis er eines Tages das Dojo putzen musste. Das Trainigsschwert von Ashikaga wurde dort in einer Vitrine aufbewahrt. Das Schwert übte auf Toshii eine magische Anziehungskraft aus. Wie hypnotisiert betrachtete er das Schwert und trat langsam näher. Seine Hand bewegte sich wie von selbst. Sorgfältig öffnete er die Glastür, berührte das Schwert zuerst ganz vorsichtig und nahm es schliesslich in die Hand. Langsam zog er es aus seiner Scheide. Das Singen des Schwertes war wie Musik in seinen Ohren. Wie schön musste es sein, ein Samurai zu sein. Sein Leben dem Bushido zu verschreiben. Sein Leben nach diesem Kodex von Ehre, Loyalität und Tapferkeit.
Er versuchte die Bewegungen von Ashikaga nachzumachen. Es gelang ihm erstaunlich gut. Seine Bewegungen waren nicht so perfekt wie die von Ashikaga, aber er hatte ja auch nur zugesehen.
„Was machst du da?!“ eine harte, bestimmte Stimme riss Toshii aus seinen Träumen. Ein grosser Mann mit breiten Schultern stand in der Tür. Obwohl seine Stimme harsch und böse war, funkelten seine Augen vor Freude.
„M.. Meister Tsuzuki. Ich.. ich äh.. ich wollte nicht. Es tut mir leid. Ich lege es sofort zurück.“
Der Trainer von Ashikaga und Kendomeister Shoji Tsuzuki stand in der Tür.
„Nein warte. Zeig mir die Bewegungen noch einmal“, forderte Tsuzuki ihn auf. Toshii stand zuerst etwas ratlos im Raum. Warum forderte Meister Tsuzuki ihn auf die Bewegungen nochmals zu machen? Es war ihm eigentlich strengstens untersagt irgendeinen persönlichen Gegenstand der Takedas anzufassen. Doch Tsuzuki waren Klassenunterschiede egal. Er hatte sofort erkannt, dass Toshii Talent besass. Er wollte sehen, was Toshii zustande brachte.
„Nein, nein, nein! Was tust du denn da? Das Schwert ist kein Hackbeil. Halte es mit mehr Gefühl.“
Tsuzuki trat auf Toshii zu und zeigte ihm wie man das Schwert richtig in den Händen hält. Von da an bekam Toshii geheimen Unterricht von Tsuzuki. Über die Jahre hinweg wurde Toshii immer besser und besser, doch er sah Ashikaga weiterhin beim Training zu und niemand ausser Tsuzuki wusste von Toshiis Schwertkünsten. Auch Ashikaga war sehr gut geworden, doch ihm fehlte die Einstellung zu der Kendokunst. Ashikagas einziger Beweggrund überhaupt ein Schwert in die Hand zu nehmen, war das Erbstück der Familie Takeda – das Schwert Hikaze. Es war ein altes und mächtiges Schwert, das schon seit Generationen im Besitz der Takedas war. Hikaze war ein kostbares Schwert und derjenige, der es besass, hatte auch Macht und wurde von anderen Samuraifamilien als Freund, oder Feind, geachtet. Ashikaga wollte alleine die Macht, die das Schwert verkörperte. Toshii ging es nicht um die Macht. Er sah es als das, was es war – eine Kunst. Auch Tsuzuki bemerkte diesen Unterschied.
Eines Nachts wurde ein Attentat auf Yosuke Takeda verübt. Ashikaga konnte den feindlichen Attentäter nicht aufhalten und wich vor ihm zurück. Nur durch Toshiis beherztes Eingreifen konnte das Schlimmste verhindert werden. Doch dadurch wussten nun Yosuke und auch Ashikaga, dass Toshii die Kunst des Schwertkampfes beherrschte.
„Es war nicht das Katana meines Sohnes, dass mich rettete. Er wich feige zurück und nur durch das Eingreifen eines einfachen Bediensteten stehe ich noch lebend hier. Sagt, wie ist euer Name und woher beherrscht ihr die Kendokunst.“ Toshii kniete nieder, senkte seinen Kopf und antwortete:
„Ich bin Toshii, ein bedeutungsloser Diener.“
„Bedeutungslos ja, aber dennoch mein Retter. Und wo habt ihr die Kendokunst erlernt?“
„Ich.. ich..“, geriet Toshii nun in Erklärungsnot.
„Ich habe es ihm beigebracht“, meldete sich Tsuzuki. Alle drehten sich zu ihm um. Ashikaga bedachte ihn mit einem verachtenden Blick. Er hatte bemerkt, dass Toshii um einiges besser war, als er selbst. Und er wusste, dass sein Vater viel von der Kendokunst hielt.
„Nun.. wenn Tsuzuki es für richtig und wichtig hält dich die Kunst des Schwertkampfes zu lehren, so werde auch ich seinem Urteil vertrauen.“
Von diesem Zeitpunkt an durfte Toshii offiziell Kendounterricht bei Tsuzuki nehmen. Zuerst alleine und nur Nachts, dann bei Tage und schliesslich zusammen mit Ashikaga. Der Vater von Ashikaga beobachtete immer öfter die Trainingsstunden von Toshii und seinem Sohn. Auch ihm fiel es natürlich auf, dass Toshii besser war als sein eigener Sohn. Und so wuchs das Vertrauen und Ansehen Toshiis immer mehr. Er durfte sogar mit den Takedas speisen. So traf er auch das erste Mal auf Yumi – die Tochter von Yosuke Takeda. Als die Tür aufging und sie eintrat, leuchteten im Hintergrund gerade die letzten Strahlen der Sonne und es schien, als ob ein Engel in der Türschwelle stand. Ihr schwarzes, langes Haar leuchtete rot und ihre langen, weissen Ärmel wehten leicht im Abendwind. Toshii hatte das Gefühl nicht mehr atmen zu können. Sein Herz schlug unweigerlich schneller und seine Hände wurden feucht. Den ganzen Abend konnte er nichts anderes machen, als sie anzusehen. Mit der Zeit entwickelte sich eine starke und innige Liebe zwischen Yumi und Toshii. Auch Yosuke war mit dieser Liebe einverstanden, denn für ihn gehörte Toshii sowieso schon zur Familie. Aber Ashikaga fühlte sich mehr und mehr von Toshii bedroht und war neidisch auf ihn. Toshii mischte sich in sein Leben ein. Er nahm den Platz bei seinem Vater ein, war besser in der Kendokunst und überhaupt der Liebling von allen. Yosuke bemerkte den Neid in Ashikagas Charakter und sah dem mit wachsender Sorge entgegen. Schliesslich musste er Hikaze weitergeben. Doch Hikaze gebührte nur dem, der die wahre Kraft des Kampfes erkannte. Man trägt zwei Schwerter: eines in der Hand und eines im Herzen. Die Kunst ist, das Schwert im Herzen ganz abzulegen und das Schwert in der Hand nur für andere zu gebrauchen. Doch mit Neid und Hass wird das Schwert im Herzen nur grösser und stärker. Yosuke war sich bewusst, dass er Hikaze Ashikaga nicht geben konnte. Schliesslich entschloss er sich das Schwert Toshii zu geben. Dies schürte den Neid in Ashikaga aber nur noch mehr. Er verwandelte sich in Wut und dann langsam in Hass. Bis er schliesslich eines Nachts einen tödlichen Plan fasste. Er schlich sich in das Zimmer von Toshii. Das Mondlicht spiegelte sich in der geraden und festen Klinge von Hikaze. Ein leichter Wind wehte durch die offenen Fenster und spielte mit den Vorhängen. Langsam und geräuschlos bewegte er sich auf den Futon von Toshii zu, nahm Hikaze fester in seine Hände und blieb schliesslich vor dem Futon stehen. Langsam holte er zum Schlag aus. Schnell und leise stiess er zu. Die Klinge färbte sich mit rotem Blut. Langsam tropfte es zu Boden.
„Was.. wie?“, stammelte Ashikaga. Eine Hand umschloss die Klinge des Schwertes. Toshii sah Ashikaga mit festem Blick in die Augen.
„Ich konnte die bösen Schwingungen des Schwertes spüren. Ein Schwert ist immer nur so gut oder böse wie der, der es führt. Die Klinge alleine bringt keine Macht.“
Ashikaga wich zurück. Er hatte nicht erwartet, dass Toshii bereits so gut mit dem Schwert umgehen konnte, dass er die Schwingungen wahrnehmen konnte. Diese Kunst blieb ihm selbst noch verwehrt und er hatte nicht angenommen, dass ein unbedeutender Dienstbote schon grössere Fortschritte gemacht hatte als er selbst. Auch nicht wenn er beim gleichen Kendomeister trainierte wie er selbst.
„Du masst dir an mich zu belehren?! Ich bin Ashikaga Takeda – der Sohn von Yosuke Takeda und der Erbe von Hikaze! Du bist nur ein bedeutungsloser Bediensteter und dir steht Hikaze nicht zu. Du bist wertlos und nicht würdig es zu besitzen!!“ fauchte Ashikaga wütend.
„Würde zeigt sich nicht durch die Abstammung. Man verdient sie sich durch die Taten, die man vollbringt.“
„Pah! Als ob du etwas von Würde verstehen würdest! Aber ich bin es Leid mit dir zu diskutieren! Du schleichst dich in meine Familie, erlernst heimlich die Kendokunst, was jedem wertlosen Angestellten verboten ist, du verdrängst mich aus der Gunst meines Vaters, betörst meine Schwester und nun nimmst du mir auch noch weg, was mir zusteht – Hikaze. Aber ich werde es zurückholen. Hikaze steht mir zu und niemandem sonst. Ich werde jeden ausschalten, der zwischen mir und dem Schwert steht!“
Beinahe von Sinnen vor Wut stürzte Ashikaga sich erneut auf Toshii. Doch er wich ihm ohne grosse Anstrengung aus. Wild schlug Ashikaga um sich. Er kannte nur noch eins: Toshii zu töten, egal wie. Doch Toshii schaffte es ohne grosse Mühe ihm das Schwert abzunehmen.
„Ashikaga hör auf und beruhige dich.“
„Wage es nicht… gib mir Hikaze wieder zurück!“
Seine Augen loderten förmlich vor Zorn. Toshii wusste, dass dies ein sehr gefährlicher Zustand war. So war ein Mensch zu allem bereit. Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle und realisierte nicht, was er tat.
„Was ist denn hier los? Ashikaga, Toshii.. was macht ihr hier?“
Yumi stand in der Tür. Ihr langes weisses Kleid wurde leicht vom Mondlicht beleuchtet, das durchs Fenster ins Zimmer schien. Ihre langen, schwarzen Haare schimmerten blau-schwarz.
Der Lärm musste sie aufgeweckt haben. Toshii verbarg schnell Hikaze hinter seinem Rücken.
„Yumi! Es ist nichts. Geh wieder schlafen.“
„Dafür, dass hier nichts läuft, seid ihr aber ganz schön laut.“
Yumi trat auf die Beiden zu. Ashikaga trat hinter Toshii zurück in den Schatten. Er hatte wohl seine Schwester erkannt, aber der Zorn loderte nur noch mehr in ihm auf als er sah, dass sie direkten Weges auf Toshii zuging. Warum liebte sie Toshii mehr als ihn? Warum wandte sie sich ab? Sie, seine geliebte Schwester für die er doch mehr empfand, als nur geschwisterliche Liebe. All seine Überlegungen machten Ashikaga noch wütender. Er konnte dieses stechende Gefühl nicht mehr ertragen. Doch nun zeigte sich ihm die Gelegenheit Toshii zu beseitigen. Toshii konzentrierte sich nicht mehr auf ihn, sondern auf Yumi, die nun bei ihm stand. Er hatte ihm den Rücken zugewandt. Das Schwert war in greifbarer Nähe. Blitzschnell trat Ashikaga aus dem Schatten hervor, schlug Toshii das Schwert aus den Händen, fing es auf und stach zu. Blut spritzte aus der Wunde hervor. Eine Ewigkeit, so schien es Ashikaga, verharrten sie in dieser Position. Ashikaga, der halb im Schatten halb im Mondlicht stand, das durch das Fenster schien. Toshii, der wie erstarrt in Yumis Augen blickte. Und Yumi selbst, die zwischen Ashikaga und Toshii stand, durchbohrt vom Schwert Hikaze.
Yumi hatte Ashikaga gesehen wie er nach Hikaze griff. Sie hatte das Feuer des Zorns und des Wahnsinns in seinen Augen gesehen. Sie begriff sofort, was er vor hatte. Auch sie hatte bemerkt, welche Verwandlung in Ashikaga vorgegangen war. Sie wusste von seinem Neid und Hass gegen Toshii. Sie hatte geahnt, dass so etwas passieren würde, wollte es aber dennoch nicht wahrhaben. Erst als sie das Schwert in Ashikagas Hand sah, wurde es zur schrecklichen Gewissheit. Als sie Toshii blitzschnell umdrehte und sich zwischen ihn und Ashikaga stellte, dachte sie noch, warum sie es nicht verhindert hatte. Warum sie nicht mit Ashikaga gesprochen hatte. Aber sie konnte Toshii retten und vielleicht würde ja Ashikaga durch ihr Opfer wieder vernünftig werden. Sie machte ihm keine Vorwürfe, denn er hatte es schon immer schwer gehabt. Sie war froh Toshii gerettet zu haben und vielleicht auch Ashikaga, denn sie liebte beide sehr.
Ashikaga bewegte sich als Erster wieder, liess das Schwert los und trat ein paar Schritte zurück in den Schatten. Als das Schwert nicht mehr gehalten wurde, fiel Yumi zur Seite. Wie in Zeitlupe, so schien es Toshii, flogen Yumis Haare an ihm vorbei. Sein Blick war starr auf den Punkt gerichtet, wo gerade eben noch Yumis Augen ihn liebevoll und erleichtert angesehen hatten. Dann endlose Zeit später hörte er einen dumpfen Schlag. Langsam wandte er seinen Kopf auf die leblose Gestalt, die am Boden lag. Ihr weisses Kleid war blutgetränkt und langsam bahnte sich ihr Blut seinen Weg auf den Tatamimatten. Toshii sagte kein Wort. Zögernd kniete er sich zu Yumi nieder. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab.
„Yumi warum hast du das getan? Das sollte nicht geschehen. Es war meine Unachtsamkeit. Dafür sollte ich sterben und nicht du.“
„Schon.. gut Toshii. Ich liebe.. dich und auch dich.. Ashikaga. Ich habe geahnt, dass.. es so kommen würde.. und doch.. wollte ich es.. nicht wahrhaben. Es tut.. mir Leid. Ich hätte.. es verhindern sollen. Aber es ist gut.. so wie es jetzt ist. Wie hätte ich.. ohne euch beide leben…. so.. sollen….“
Yumis Stimme wurde immer leiser, bis sie schliesslich ganz erstarb. Ihr Kopf auf Toshiis Schoss fiel zur Seite. Ihre langen blau-schwarzen Haare fielen ihr übers Gesicht. Sie schien zu lächeln.

Ein leises Klopfen an seiner Zimmertür liess Toshii aus seinen Gedanken auftauchen.
„Takeda-sama? Seid ihr wach? Die Räte rufen nach euch.. Takeda-sama?“
Er öffnete die Augen und sah aus dem Fenster. Es war dunkel. Es war hier eigenartigerweise immer dunkel.
„Ja ich komme gleich..“ Seine Augen und sein Kopf schmerzten. Als ob jemand mit tausend feinen Nadeln auf ihn einhämmern würde. Sie würden ihn nicht verlassen. Sie würden ihn nie verlassen – diese Bilder. Schliesslich raffte er sich auf, zog sich an und öffnete die Tür.

Serelith
12.03.2005, 21:57
4. Prophezeiungen

„Eine einsame, gepanzerte Seele,
verzweifelt in der weissen Schwärze.
Zwei dunkel leuchtende Sterne,
sie künden vom nahenden Untergang.
Drei junge Greise,
sie kehren zurück aus der schwarzen Vergangenheit.
Vier Kerzen des weissen Lebens,
sie erlöschen durch die schwarzen Schwingen des Todes.
Fünf schwarze Vögel,
sie sitzen lauernd über der unwissenden Welt.
Sechs verschiedene Erden,
sie glauben an Misstrauen und Verrat.
Sieben Lichter der Zerstörung,
gerufen von den sechs verschiedenen Welten,
getragen von den fünf schwarzen Vögeln,
gereinigt von den vier weissen, toten Lebenskerzen,
erwartet von den drei jungen Greisen,
verkündet von den zwei dunkel leuchtenden Sternen,
geschickt von der einen verdammten Seele,
werden sie alles auf den drei Ebenen vernichten.
Denn nur der achte blaue Drache kann die Lichter verdunkeln, die Seele reinigen und die Welten retten. Die Seele selbst wird in der hellen Dunkelheit verschwinden und ausgelöscht.“

Betretenes Schweigen herrschte im Ratssaal. Wie oft hatten sie diese Schriftrolle nun schon gelesen und sie waren dennoch nicht weiter als beim ersten Mal. Sie, das waren die hohen Mitglieder des Rates. Die Schützer der vier Schulen:
Haniel von Geburah, die Schützerin des Hauses der Liebesengel.
Zadkiel von Chesed, der Schützer des Hauses der Schutzengel.
Raphael von Hod, der Schützer des Hauses der Naturgeister.
Kamael von Netzach, die Schützerin des Hauses der Todesengel und Yun Lee, der alte Richter von Jessod.
Diese Schriftrollen, da waren sich alle einig, beschrieben das Ende der Welt. Nicht nur das Ende von Malkuth, sondern das Ende von allen drei Welten: Aziluth, Yetzirah und Gehenna.
„Wir wissen weder, was diese Worte bedeuten, noch wann diese Zerstörung ihren Lauf nehmen wird“, sagte eine zierliche Frauenstimme.
Haniel hatte als Erste die Stille durchbrochen. Ihre kleine Gestalt verschwand beinahe in dem grossen, mit rotem Samt überzogenen Stuhl. Ihre langen, roten Haare fielen ihr weich über die Schulter und ihr kurzes, cremefarbenes Kleid umspielte ihren wohlgeformten Körper.
„Ich bin überzeugt davon, dass es die Dämonen sind, welche dieses Unheil über uns bringen werden“, sagte ein junger Mann energisch.
Seine ebenen Gesichtszüge verformten sich dabei zu einem seltsamen Ausdruck der Wut. Die blonden Haare standen ihm wild vom Kopf ab und unterstrichen seinen temperamentvollen und hitzigen Charakter. Sein weißes Hemd, sowie seine Hose strahlten regelrecht und schienen das Licht in allen Farben zurückzuwerfen.
„Nun übertreib mal nicht Raphael. Wir haben absolut keine Beweise, das die Dämonen etwas mit dieser Schriftrolle zu tun haben“, gab eine hübsche Frau in mittlerem Alter zu bedenken.
Kamaels braune Haare fielen in grossen Locken über ihre Schulter. Da sie ebenfalls in dem grossen Stuhl saß, konnte man nicht erkennen, wie groß sie war. Doch wäre sie aufgestanden, hätte sie alle Anwesend überragt. Ihr schwarzes, bodenlanges Kleid unterstrich dazu noch ihre Größe.
„Keine Beweise?! Die große Schriftrolle ist voll von Dunkelheit. Die dunkel leuchtenden Sterne, die schwarze Vergangenheit, die schwarzen Vögel! Ausserdem ist ja wohl nicht nur mir aufgefallen, dass die Aktivitäten der Dämonen zugenommen haben, obwohl ein Gleichgewicht besteht. Seit Luzifers und Adam Kadamons Verschwinden war ihre Aktivität nicht mehr so groß“, widersprach Raphael.
Dabei steigerte er sich so hinein, dass er seine Hände auf den Tisch schlug und beim aufstehen den Stuhl zurückwarf.

„Nun beruhigt euch wieder. Es stimmt wohl, dass die Dämonen ihre Aktivitäten gesteigert haben, aber nichts deutet auf diese Schriftrolle hin. Wir sollten sie nicht verurteilen, sondern sie erst einmal beobachten.“
Ein etwas älterer Mann, der bis jetzt still im Stuhl gesessen hatte, meldete sich zu Wort. Er hatte seine Hände vor sich ineinander gekreuzt und stützte seinen Kopf darauf. Seine langen, silbernen Haare schienen förmlich von seinem Kopf zu fliessen und schimmerten in dem Licht, welches durch die grosse Glaskuppel in den Raum drang. Seine blaue Toga, sowie sein Charakter gaben jedem ein beruhigendes Gefühl.
„Beobachten?! Wir sollten nicht zu lange warten, Zadkiel, ansonsten werden sie uns überrennen.“
„Male die Zukunft doch nicht gleich so schwarz. Bis jetzt haben die Aktivitäten weder in Malkuth noch hier Auswirkungen. Ausserdem herrscht seit langer Zeit Frieden zwischen Gehenna und Yetzirah. Warum sollten sie dies aufs Spiel setzen und das Gleichgewicht so noch in grössere Gefahr bringen?“, versuchte Haniel Raphael zu beruhigen.
Dessen Kommentar war nur ein ärgerliches Schnauben.

„Wir werden einen Botschafter nach Gehenna schicken, der nach den Aktivitäten und den Gründen fragen soll. Im Gegenzug werden wir den Dämonen die Möglichkeit geben hierher zu kommen. Wir müssen das Vertrauen beider Parteien stärken um das Gleichgewicht nicht zu gefährden“, schlug Zadkiel vor.
„Und wer soll als Botschafter geschickt werden?“, wollte Haniel wissen.
„Ich habe bereits nach ihm geschickt.“

Toshii öffnete die Tür und sah einen Diener des grossen Rates vor sich stehen.
„Die Räte schicken nach euch, Takeda-sama“, wiederholte er noch einmal. Er wollte wohl Toshii begreiflich machen, dass es von Wichtigkeit war.
„Bitte folgt mir. Ich werde euch hingeleiten.“
„Ich weiß schon wo der große Rat sitzt. Ich brauche keinen Führhund“, sagte Toshii genervt, stieß den überraschten Diener beiseite und ging durch den langen tristen Gang.
Als er hinaus trat, blendete ihn das helle Licht der Sonne und er musste seine Augen zusammenkneifen.
Toshii hatte seine Wohnung etwas abseits des grossen Richtergebäudes. Er wohnte in einem tristen und kalten Lagerhaus, welches eigentlich nicht für Wohnungen gedacht war. Doch es war Toshiis ausdrücklicher Wunsch gewesen, dort eine kleine Wohnung einrichten zu können. Er wollte alleine sein und so oft es ging, anderen aus dem Weg gehen.
Toshii klappte den Kragen seines Mantels hoch und setzte sich in Bewegung. Mit schnellen Schritten trat er auf den mittleren Weg, der ihn durch den Nebelwald von Tipheret direkt zur Insel der Räte führte. An den Schulen vorbei Richtung Daath. Diese Insel befand sich am Rande von Yetzirah und war nur durch den 13. Weg zu erreichen. Hier befand sich die Kammer der Weisheit, wo diese geheimnisvolle Schriftrolle aufbewahrt wurde. Nur der große Rat hatte hier Zutritt.
Entsprechend der Wichtigkeit dieser Insel war sie umgeben von einem hohen Zaun. Ein riesiges Eisentor war der einzige Ein- und Ausgang. Nachdem Toshii hindurch gegangen war, durchquerte er einen wunderschönen Garten. Viele verschiedene Blumen und Gewächse wuchsen hier von alleine, denn noch nie wurde hier ein Gärtner gesehen. Doch Toshii sah die Schönheit dieses Gartens nichts. Es war ihm egal.

Als er an dem grossen Ratsgebäude angekommen war, öffnete sich die schwere Holztür von selbst. Er betrat das in viktorianischem Stil gebaute Haus und trat in die Eingangshalle, wo er bereits wieder von einem weiteren Diener des Rates empfangen wurde.
„Hier entlang bitte, Takeda-sama“.
Sie durchschritten die Eingangshalle und traten erneut vor eine Holztür. Diese war reich verziert mit Schnitzereien und Gravuren. Der Diener klopfte an, öffnete die Tür und ließ Toshii hindurch. Ohne zu zögern und sicheren Schrittes ging er an dem Bediensteten vorbei und stand nun vor dem großen Eichenholztisch. Die vier Räte sahen ihn alle an.
„Todesengel Toshii Takeda“, stellte der Diener ihn vor.
„Er? Warum er?“, brach es aus Raphael hervor.
Es war ein offenes Geheimnis, dass sich diese Beiden nicht riechen konnten. Grund dafür war männlicher Stolz.
Bevor Toshii nach Yetzirah kam, war Raphael der unumstrittene Meister in der Kunst des Kendo gewesen. Niemand hatte ihn besiegen können. Doch nachdem Toshii als Schüler im Haus der schwarzen Schildkröte angenommen wurde, stellte sich schnell sein außergewöhnliches Talent für die Schwertkunst heraus.

Raphael hatte ihn zum Kampf herausgefordert, denn sein Stolz liess es nicht zu, dass ein anderer die Aufmerksamkeit erhielt, die eigentlich ihm Zuteil werden sollte. Toshii hatte sich jedoch geweigert, aber Raphael hatte dies nicht akzeptieren können. Er hatte also Toshii angegriffen. Sein Stolz hatte Raphael jedoch beim Kämpfen behindert und Toshii hatte ihn nach kurzer Zeit besiegt. Seit dieser Schmach verachtete Raphael Toshii.

„Er ist bei weitem der Stärkste unter den Engeln, die ein Amt bekleiden und er ist schon sehr lange bei uns. Er kennt die Anliegen von uns und die der Dämonen. Toshii Takeda ist die ideale Person dafür“, erklärte Zadkiel.
„Pff.. na und? Wer sagt uns, dass er nicht am Ende noch zu den Dämonen überläuft. Ich meine seht ihn euch doch an. Er ist ein psychisches Wrack und wir können ihm keinen Meter weit trauen.“
„Jetzt hör aber mal auf, Raphael. Leg endlich deinen dämlichen Stolz beiseite und sieh das ganze objektiv. Wir als Räte können nicht nach Gehenna gehen. Wir haben hier unseren Platz als Wächter der einzelnen Häuser. Schüler können wir auf gar keinen Fall schicken und es stimmt nun mal, dass Toshii der Älteste der Amtsengel ist. Ich bin dafür, Zadkiel, das er geht“, stimmte Haniel zu.
„Glaubt doch was ihr wollt, ich bin auf jedenfall dagegen!“, trotzte Raphael und funkelte dabei Toshii zornig an.
Dieser stand aber nur ungerührt vor den Räten und hatte bis jetzt noch kein Wort gesagt. Raphael liess noch ein letztes verächtliches Schnauben ertönen und verschwand dann im Schatten einer großen Säule, wo er sich durch eine Hintertür zurückzog.

„Raphael.. die Sitzung ist noch nicht vorbei! Komm gefälligst wieder zurück!“, rief ihm Haniel zornig hinterher.
„Lass ihn, es bringt im Moment nichts mit ihm zu reden“, beschwichtigte Kamael.
„Ich bin ebenfalls damit einverstanden, dass Toshii geht. Nur wir müssen das Einverständnis des gesamten Rates haben und Yun Lee ist nicht hier“, gab die Wächterin von Netzach zu Bedenken.
„Das macht nichts. Die Mehrheit ist bereits dafür, dass Toshii nach Gehenna geht. Selbst wenn Yun Lee ebenfalls dagegen wäre, würde es nichts daran ändern“, sagte Zadkiel.
„Also, Toshii. Deine Aufgabe ist nach Gehenna zu gehen und dort als Botschafter zu fungieren. Die Aktivitäten der Dämonen haben in letzter Zeit zugenommen, und das ohne ersichtlichen Grund. Du sollst in Gehenna nach den Gründen dafür fragen. Überbringe ihnen den Vorschlag, dass auch sie hierher kommen können, falls sie dies wünschen.“
Toshii nickte leicht um zu signalisieren, dass er den Auftrag verstanden hatte. Er drehte sich um und verließ das Ratsgebäude.
„Nun gut. Dann wäre ja alles geregelt. Ich widme mich dann wieder meinen anderen Pflichten“, sagte Haniel mit einem strahlenden Lächeln, welches jedem Mann weiche Knie machte.
Sie war zu Recht die Wächterin des Hauses des roten Phönix und der Liebesengel. Mit leichten und federnden Schritten verließ sie den Saal, um nach Geburah zurückzukehren.

„Meinst du er wird Antworten von den Dämonen erhalten?“, fragte Kamael als sie und Zadkiel nun alleine in dem grossen Raum waren.
„Das wird er sicher.. und wenn er erst einmal in Gehenna ist, wird er sicher auch wissen, warum wir ihn dorthin geschickt haben.“
„Was meinst du damit?“
„Du weißt, was ich meine. Immerhin ist er deinem Haus unterstellt“, antwortete Zadkiel auf die Frage und stand auf.
Kamael senkte den Blick und starrte die Tischplatte an. Ja sie wusste, was er meinte und es gefiel ihr gar nicht, dass es Zadkiel bekannt war. Erst als sie hörte wie die Tür in ihr Schloss fiel, sah Kamael auf. Sie war nun alleine im Ratsaal.
„Wie hat er davon erfahren?“, fragte sie sich selbst.
****
„Wie war es mit Takeda? Ist er immer noch so gesprächig?“
Sorata, Emi, Yukari und Yui saßen am Ufer von Tipheret nahe beim Nebelwald und aßen ihre Lunchpakete. Yui durfte sich bei allen bedienen, denn sie hatte ja noch nichts dabei gehabt.
„Wie meinst du das, Sorata?“
„Na du wirst doch bemerkt haben, dass Takeda nicht gerade der Gesprächigste ist. Es gehen hier so einige Gerüchte um, was ihn betrifft.“
„Was für Gerüchte?“
„Er ist immer alleine. Eigentlich sollte er ein Lehrer in einem der vier Häuser hier werden, aber er schlug das Angebot aus und blieb Todesengel. Niemand konnte sich das so recht erklären, denn jeder andere hätte den Posten angenommen, da dies eine große Ehre ist und seine Leistungen damit gewürdigt werden. Darum entstanden viele Gerüchte aus welchem Grund Takeda nicht Lehrer geworden ist. Manche sagen, es sei wegen den Taten, die er in seiner Lebenszeit begangen haben soll. Er soll viele Menschen getötet haben und schämt sich jetzt dafür. Andere meinen, es sei wegen seiner verlorenen Liebe. Angeblich ist er Todesengel geworden, um sich an dem Mörder seiner Freundin zu rächen. Als Todesengel hat er am ehesten die Chance seine Wiedergeburt zu treffen und ihn zu bestrafen. Denn wenn du stirbst und dich kein Todesengel abholt und dich nach Yetzirah begleitet, bist du dazu verdammt für ewig auf Malkuth als ruheloser Geist umherzuwandeln.“
„Nein das ist alles nicht wahr“, sagte Yukari, die bis jetzt stumm zugehört hatte.

„Ach nein? Was ist dann mit Takeda los?“ wollte Emi wissen.
„Macht es ihm am Ende Spaß Menschen beim Sterben zuzusehen?“, witzelte er.
„Emi, das war mal wieder eine überflüssige Bemerkung von dir.“ Sorata gab ihr eine Kopfnuss.
„Was ist denn mit ihm? Weißt du es?“, bohrte Yui.
„Ich.. ich habe versprochen es niemandem zu sagen“, stammelte Yukari und drehte sich verlegen weg.
Sie hatte die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie stand nicht gerne im Mittelpunkt. Irgendwie fühlte sie sich dann nicht wohl.
„Na uns kannst du es aber doch sagen Yukari. Wir erzählen es auch nicht weiter.“
Sorata sah sie mit seinem treusten Blick an und rückte etwas näher heran. Yukari wurde plötzlich ganz rot und senkte ihren Blick. Sorata kam ihr sehr nahe, aber sie wich nicht zurück, wie sie es bei jedem anderen getan hätte. Sie wollte ihm nahe sein.
„A.. also gut. Aber sagt es wirklich nicht weiter, okay?“
„Sehr schön. Ich wusste doch, dass du uns vertraust. Wir sind ja immerhin Freunde.“
Sorata kam noch näher und legte seinen Arm um sie, ohne daran zu denken, welche Kraft Yukari hatte. Als er sie berührte, konnte sie fühlen, wie sein Herz schneller schlug, wie seine Gedanken sich um sie drehten und er sich freute, dass er ihr so nahe war. Yukari sah ihn überrascht an. Als Sorata merkte, warum sie ihn so ansah und er realisierte was er gerade getan hatte, nahm er schnell die Hand wieder weg. Nun war er es, der rot anlief.

„Äh.. äh also.. was.. was ist denn nun mit Takeda?“, wollte Sorata von dieser für ihn peinlichen Situation ablenken.
„Äh ja.. also.. also als ich starb, war es auch Toshii, der mich abholte. Wir gingen die Baumallee entlang. Ich war unvorsichtig und stolperte über eine Baumwurzel. Toshii fing mich auf und dabei konnte ich seine Gedanken und Gefühle sehen. Er leidet unter dem Verlust seiner Freundin. Ich habe nicht alles gesehen, aber ich weiß, dass er eine Frau namens Yumi geliebt hat. Sie starb, als sie ihn vor einem Attentäter beschützte. Er gibt sich nun die Schuld an ihrem Tod. Als Yumis Seele nach Yetzirah kam, wählte sie den Weg nach Aziluth. Als er hier ankam hatte er die Wahl hier zu blieben und eines der Ämter anzunehmen oder nach Gehenna zu gehen und die sieben Stufen der Reinigung zu durchlaufen und erneut auf Malkuth geboren zu werden. Toshii konnte so nicht nach Aziluth und so wählte er den Weg des Todesengels. Er wollte nicht wieder nach Malkuth gehen, um das Leid des Verlustes noch einmal durchstehen zu müssen. Er ist so abweisend, weil er Angst hat wieder jemanden zu verlieren. Wenn er niemanden an sich heran lässt und lieben lernt, kann er auch niemanden verlieren. Deshalb wollte er wohl auch nicht Lehrer werden. Als Lehrer hat man doch eine gewisse Beziehung mit seinen Schülern und genau das ist es ja, was er verhindern will.“
Lange sagte niemand etwas.

„Das wusste ich nicht. Ich dachte immer er sei nur irgend so ein komischer Typ, der einen auf Einsiedler macht“, sagte Emi betroffen.
„Wie lange ist er denn schon ein Todesengel?“ wollte Yui wissen.
„Ich weiss es nicht, aber er ist schon sehr lange hier.“
„Und er trägt bis jetzt dieses Leid mit sich herum? Hilft ihm denn niemand?“
„Man hat es versucht, aber wie gesagt; er lässt niemanden an sich heran. Der Einzige, der ihm ein bisschen nahe steht ist unser Lehrer. Er war der Einzige, der mit ihm sprach, als sie hier lernten. Herr Mori im Haus des blauen Drachen wie wir und Toshii im Haus der schwarzen Schildkröte. Aber auch er konnte ihm nicht helfen.“
„Woher weißt du eigentlich so gut Bescheid? Das wirst du ja wohl nicht alles gesehen haben, als du Toshii angefasst hast“, wollte Sorata wissen.
„Ich kann meine Kraft nicht steuern. Herr Mori weiß das, aber er berührt mich trotzdem. Dann sehe ich diese Dinge.“ „Was ist eigentlich mit dieser Kraft? Hattest du die schon, als du noch gelebt hast?“
„Na ja.. nur Yukari ist dieses Naturtalent. Diese Kraft bekommst du aber hier. Du musst sie allerdings erst noch entdecken. Es ist die Kraft, die in jedem von uns ist, aber nur durch ein langes mentales Training freigesetzt werden kann. Wir sind nun schon seit fünf Monaten hier und haben sie erst gerade kürzlich freisetzen können.
Emi hat zum Beispiel die Kraft zu heilen. Yukari ist, wie du schon weißt, ein Empath und ich habe die Kraft die Zeit anzuhalten. Allerdings nur für ein paar Minuten. Aber niemand von uns hat die Kraft, die ihm gegeben ist richtig unter Kontrolle“, erklärte Sorata, der mittlerweile wieder etwas von Yukari weggerückt war.
„Aber genug gequasselt jetzt. Ich will noch ein Mittagsschläfchen machen, bevor die Schule wieder anfängt.“
Und mit diesen Worten liess sich Sorata auf die weichen Gräser zurückfallen und schloss die Augen.

„Gut, dann seh ich mich hier noch ein bisschen um“, beschloss Yui und stand auf.
„Wenn Tomo vom Nebelwald zurückkommt, dann soll er mit euch gehen. Wir treffen uns dann in der Schule wieder.“
„A... aber kann ich ihn einfach so anfassen? Ich meine, er ist ein Kodama und wenn man sie anfasst, dann verschwindet man doch“, zweifelte Sorata an dem, was Yui ihm gerade aufgetragen hatte.
„Keine Sorge, seine Mutter ist damit bestimmt einverstanden.“
„Hast du sie gefragt?“
„Nein, ich sage das einfach mal so!“, rief Yui mit einem Lächeln den Beiden zu und verschwand im Nebelwald.
„Na toll“, murmelte Sorata.
„Also ich werde ihn ganz sicher nicht anfassen“, grinste Emi.
„W… warte auf mich. Ich komme mit und zeige dir alles.“ Yukari beeilte sich mit aufstehen und rannte Yui hinterher. Ihr wäre es unangenehm gewesen alleine mit Emi und Sorata zu sein. Überhaupt war es heute das erste Mal gewesen, dass sie mit den beiden zusammen gegessen hatte. Sonst war sie immer alleine gewesen.

Das Klingeln der Schulglocken lockte alle Schüler zurück in ihre Klassenräume. Auch Yukari und Yui waren zurück von ihrer Rundreise durch Yetzirah. Als sie wieder ins Klassenzimmer kamen wurde Yui gleich von finsteren Blicken Miharus empfangen. Sofort fielen ihre anderen beiden Freundinnen in Getuschel ein und straften Yui ebenfalls mit funkelnden Blicken. Yukari beachteten sie aber nicht. Nur Kikyo lächelte beiden freundlich zu.
Sie setzten sich an ihren Platz und warteten darauf, dass der Unterricht wieder weitergehen würde. Allerdings war Azuma noch nicht hier. Und auch von Emi und Sorata fehlte noch jede Spur.
Doch gerade in dem Moment wurde die leichte Schiebetür aufgerissen und beide standen sie ausser Atem im Türrahmen.
„Puh.. gerade noch geschafft. Er ist noch nicht hier“, hechelte Sorata hervor.
„Von wegen. Ihr seid zu spät“, erklang eine tadelnde Stimme direkt hinter den beiden. Ein gequälter Ausdruck machte sich auf Emis Gesicht breit.
„Ich kann ehrlich nichts dafür, Azuma. Ich hatte alle Mühe Sorata von der Umkleidekabine der Mädchen fernzuhalten.“
„WAS? Hey du mieser kleiner..“ Sorata teilte Emi erneut eine Kopfnuss aus.
„Schon gut. Dieses Mal lasse ich es euch noch durchgehen. Setzt euch jetzt hin. Ich will mit dem Unterricht weitermachen.“

Sorata und Emi machten Azuma platz, salutierten und gingen dann ebenfalls an ihren Platz. Tomo sprang von Soratas Schulter und begrüsste Yui stürmisch mit einem Rasseln seines Kopfes. Immer noch etwas verwirrt besah sich Azuma dieses Schauspiel. Er konnte es immer noch nicht fassen.
Sorata warf Yukari einen verstohlenen Blick zu, als er sich setzte. Hatte sie es wohl mitbekommen? Schnell sah er wieder weg, als er bemerkte, dass er erneut im Gesicht rot wurde. Der Anblick von Miharu ließ seine Stimmung gleich um 180 Grad wenden.
„Also wo waren wir... Ah, ja. Bei der Entstehungsgeschichte der vier Welten. Weiß jemand bereits etwas darüber?“
Sofort schoss der Arm von Miharu in die Höhe.
„Sonst noch jemand ausser Miharu?“, fragte Azuma seufzend und sah in die Runde seiner Klasse.
Sorata starrte gelangweilt aus dem Fenster, Emi war eifrig dabei, einen Papierflieger zu basteln, Kikyo sah nur desinteressiert in die Runde, Yukari getraute sich kaum den Blick zu heben und Yui wartete darauf, was gleich passieren würde.
„Na dann fang an Miharu.“

Triumphierend sah Miharu zu Yui. Nun konnte sie beweisen, dass SIE die Beste war und dass das auch so bleiben würde.
„Also.. am Anfang war Nichts. Nichts ist der Anfang jeder Geschichte. Lilith war die Göttin des Nichts und sie erschuf sich Wesen um Gesellschaft zu haben. Sie formte sie aus ihrer eigenen Seele und die Wesen waren die Schönsten, die man je gesehen hatte. Sie strahlten und waren vollkommen. Dies waren Adam Kadamon und Luzifel, die ersten Geschöpfe. Lilith erschuf noch mehr solcher Wesen und nannte sie Engel. Fortan lebten sie glücklich im Nichts. Doch Luzifel erhob sich schon bald gegen Lilith, seine eigene Mutter. Er wollte mehr... Er wollte Macht. Er wollte der Gott über das Nichts werden und griff Lilith mit Hilfe seiner sieben treuesten Anhänger an. Doch sie wehrte den schwachen Angriff von Luzifel ab und verbannte ihn zusammen mit seinen sieben Anhängern in die Welt Gehenna, welche sie extra dafür geschaffen hatte.
Nach diesem Angriff erschuf Lilith weitere Wesen, welche aber nicht mehr so rein und schön waren wie die Ersten, da der Kampf viel von ihrer Seele verzehrt hatte. Doch gerade an diesen Wesen hatte sie am meisten Freude. Lange Zeit lebten sie so wieder glücklich zusammen. Doch Luzifel, der sich all das entledigt hatte, was ihn an die Zeit bei Lilith erinnerte, hatte, erschuf in Gehenna selbst Wesen - die Dämonen. Als er glaubte stark genug zu sein und es geschafft hatte das Siegel um Gehenna zu brechen, griff er Lilith erneut an.
Da Lilith viel von ihrer Seele aufgebraucht hatte um weitere Wesen zu erschaffen, war sie geschwächt und der verstärkten Kraft Luzifers, wie er sich nun nannte, nicht mehr gewachsen. Er besiegte Lilith und mit ihrer letzten Kraft erschuf sie Malkuth, Yetzirah und Aziluth um ihre geliebten Kinder zu retten, bevor sie verschwand.
Lange dauerte der Krieg zwischen Luzifer und seinem Zwillingsbruder Adam Kadamon fort. Denn Luzifer wollte der alleinige Herrscher werden und Adam Kadamon ausschalten. Doch er konnte Adam Kadamon nicht besiegen und so schlossen sie einen Waffenstillstand, woraufhin die beiden dann verschwanden.“
„Yeah! Ich habe ihn endlich fertig! Meinen absoluten Superflieger!“
Alle Blicke wandten sich Emi zu.
„Ups.. Sorry.. mach ruhig weiter Miharu mit deiner Geschichte“, winkte Emi entschuldigend ab.

Wenn die Blicke Miharus hätten töten können, wäre Emi wohl nicht nur ein zweites Mal gestorben, sondern sofort zu Staub zerfallen.
„Also danach..“, wollte Miharu fortfahren, doch sie wurde von Yui unterbrochen.
„Verschwunden? Einfach so?“
„Ja einfach so!“, war Miharus trotzige Antwort. Sie wollte endlich weitermachen.
„Nein nicht einfach so“, stoppte Azuma Miharus Redefluss. „Das ist eine gute Frage Yui. Das was Miharu erzählt hat, stimmte soweit. Mit ein paar Schönheitsfehlern.“
Miharus Gesichtszüge entgleisten. Was? Schönheitsfehler? Sie machte keine Schönheitsfehler.. schliesslich hatte sie die Entstehungsgeschichte von Sorata gehört. Und dieser war schon länger hier als sie, also musste er es doch...
Miharu ging ein Licht auf.
„Das wirst du mir büßen!“, knirschte sie wütend zwischen ihren Zähnen hervor und setzte sich hin.
Soratas schadenfreudiges Grinsen bestätigte Miharus Annahme.

„Also.. Luzifel wollte keine Macht. Für ihn war es nicht genug nur das Spielzeug und die Unterhaltung von Lilith zu sein. Er wollte ebenfalls etwas erschaffen. Als Lilith dies herausfand, verbot sie es ihm. Sie sollte die Einzige sein, die Leben erschaffen durfte. Luzifel wollte sich damit aber nicht abfinden und versuchte mit Lilith zu reden, doch diese liess keine Diskussion zu. Luzifel versuchte sich damit abzufinden doch nach und nach wurde sein Licht immer schwächer. Er litt darunter nur das Spielzeug von Lilith zu sein. Also erschuf er sich eine einzige Seele und versuchte sie vor Lilith zu verstecken. Doch sie fand es heraus und wollte Luzifel für seinen Verrat bestrafen. Doch sieben seiner treusten Freunde bewahrten ihn davor, indem sie sich Lilith in den Weg stellten. Diese verbannte daraufhin die Störenfriede nach Gehenna, der Unterwelt.
Getrennt von seiner eigenen Schöpfung verwandelte sich seine Enttäuschung gegenüber Lilith in Wut und von Wut zu Hass. Er wollte sie unbedingt befreien. Zusammen mit seinen treusten Anhänger legte er zuerst alles ab, was ihn an Lilith erinnerte. So auch seinen Namen mit der Endung –el. Denn dies bedeutete Licht und so nannte er sich fortan Luzifer. Seine sieben Begleiter verkörperten von nun an die sieben Todsünden.
Belial für Hochmut, Balbero für Jähzorn, Leviathan für Neid, Astaroth für Trägheit, Asmodeus für Wollust, Mammon für Geiz und Beelzebub für Völlerei. Mit ihrer Hilfe gelang es Luzifer das Siegel um Gehenna zu brechen und sie griffen zusammen Lilith an.
Wie Miharu richtig gesagt hatte, war Lilith geschwächt da sie zur Schaffung ihrer Geschöpfe von ihrer eigenen Seele zehrte. Adam Kadamon stellte sich seinem Bruder in den Weg, da dieser nur noch von Hass gelenkt wurde. Doch Luzifer gelang es Lilith zu vernichten. Mit ihrer letzten Kraft erschuf sie Assiah, die Welt in der alleine Malkuth existiert. Dorthin schickte sie ihre Kinder der Zweiten Generation. Diejenigen, die also nicht mehr so rein und schön waren wie ihre ersten Kinder. Die zweite Welt war Yetzirah. Dorthin kamen alle frühen Engel, welche Luzifer Widerstand leisteten. Die dritte Welt war Aziluth. Hierhin kamen die bereits verletzten und geschwächten Engel, so dass sie vor Luzifer und seinen Geschöpfen, den Dämonen, sicher waren. Die vierte und letzte Welt war...“
Azuma machte eine Pause, stand auf und ging ans Fenster. Sein Blick richtete sich Richtung Daath, weiter an einen Punkt den die Schüler, welche seinem Blick gefolgt waren, nicht sehen konnten.
„...Beriah.“

Emi hörte auf an seinem Superflieger zu basteln, Sorata sah nun doch interessiert seinen Lehrer an, Miharu hörte auf mit ihren Kolleginnen zu tuscheln. Nur Kikyo blieb weiter desinteressiert und starrte Azuma an.
„Beriah? Was für eine Welt ist das?“, wollte Yui wissen.
„Das ist die Welt in der die Inseln Chockmah und Binah existierten. Ihre beiden Wächter Raziel und Zafkiel machten die Verbindung zwischen Aziluth, Yetzirah und Assiah erst möglich. Doch Beriah verschwand auf unerklärliche Weise und seitdem ist Aziluth nur noch durch den 13. Pfad mit unserer Welt verbunden. Nur Seelen, die sich beim Entscheidungsgericht dafür entscheiden nach Aziluth zu gehen, können die weiße Wand hinter Daath durchqueren. Wir wissen nicht, was dahinter liegt, doch sie kommen immer in Aziluth an. Metatron, der Wächter von Aziluth bestätigt uns dies. Allerdings können uns auch diese Seelen nicht sagen, was dort ist. Sie erinnern sich nie daran.“

„Durch das Licht befreit, erhebt sich das verlorene Tor und wird wiedergefunden. Gerettet werden können jene, die es finden und dem schwarzen Pfad durch die weiße Wand folgen. Doch das verlorene Tor öffnet sich nur beim Erstrahlen der sieben Lichter. Erscheint der achte blaue Drache, bleibt es den Suchenden verborgen und wird nicht gefunden.“
Alle Blicke wandten sich verwundert an Yui, die die Augen geschlossen hatte und diese Worte gerade wie in Trance gesagt hatte. Sie öffnete die Augen und sah in die verwunderten Gesichter der Anderen.
„Was? Hab ich was gesagt?“
„Was waren das für Worte?“
„Worte? Was für Worte? Oh.. ist es schon wieder geschehen? Ha tut mir Leid. Das passierte manchmal. Irgendwie so eine Art Störung. Ich sage plötzlich irgendwelche Dinge, die gar keinen Sinn ergeben. Gômen!“, erklärte Yui mit einem Augenzwinkern.
„Naja… bei dir wundert mich nichts mehr“, sagte Azuma resigniert und kehrte zu seinem Pult zurück.
„Nun gut. Weiß jemand wies weiterging?“
Erneut schoss Miharus Hand in die Höhe.
„Kikyo, willst du uns nicht teilhaben lassen an deinem Desinteresse?“
„Adam Kadamon konnte nicht fassen was Luzifer, sein eigener Zwillingsbruder getan hatte und auch bei ihm wurde der Hass übermächtig. Sie bekriegten sich gegenseitig bis aufs Blut. Die Verluste auf beiden Seiten waren enorm, ehe die beiden Brüder schließlich zur Besinnung kamen. Sie beschlossen einen Handel einzugehen.
Luzifer sollte uneingeschränkter Herrscher über Gehenna und seine Geschöpfe werden. Adam Kadamon sollte über Yetzirah herrschen. Assiah mit der einzigen Welt Malkuth sollte als Verbindungsglied zwischen den beiden Welten liegen. Die Seelen, welche dorthin geschickt wurden, nahmen sterbliche Formen an und verloren das Wissen über Lilith, Luzifer und Adam Kadamon. Da die beiden Brüder eingesehen hatten, dass weder Licht noch Dunkelheit alleine existieren konnten, sollte mit Hilfe der verstorbenen Seelen von Malkuth ein Gleichgewicht zwischen den beiden Mächten hergestellt werden. Waren die Engel in der Überzahl, schürte Luzifer mit Hilfe seiner sieben Anhänger die Todsünden auf Malkuth und somit kamen mehr Seelen nach Gehenna. Waren die Dämonen in Überzahl festigte Adam Kadamon die sieben Tugenden. So konnten mehr Seelen als Engel rekrutiert werden. Zu dieser Zeit entstanden die Religionen auf Malkuth. Luzifer wurde von da an als die Inkarnation des Bösen wahrgenommen und Adam Kadamon nahm seinen Gegenpart als Inkarnation des Guten ein. So entstanden die einzelnen Religionen, welche jedoch alle auf ein und demselben basieren.
Nachdem sich das Gleichgewicht für lange Zeit in der Waage hielt, zogen sich Luzifer und Adam Kadamon immer weiter zurück, bis sie schliesslich ganz verschwanden. Die Räte, welche ins Leben gerufen wurden, sorgten fortan für das Gleichgewicht. Seitdem herrscht Frieden zwischen den beiden Mächten Gehenna und Yetzirah“, beendete Kikyo die Entstehungsgeschichte.
Man hätte nun erwarten können, dass Miharu ihr ebenfalls vorwurfsvolle Blicke zuwerfen würde, doch dem war nicht so.
„Genau das wollte ich auch sagen.“
Man sollte wohl davon ausgehen, dass sie es Kikyo so erzählt hatte.
„Sehr gut Kikyo. Anscheinend behältst du doch etwas von meinem Unterricht. Also gut.. die Nachmittagslektion ist schon fast wieder vorbei. Ausnahmsweise gibt’s heute keine Aufgaben. Ich hatte keine Zeit welche vorzubereiten.“
Allgemeine Begeisterung ging durch die Klasse.

„Sie waren wohl mit Frau Shimura beschäftigt was?“ stichelte Sorata.
„Ich... w... was... Nein! Was soll die Anspielung? Dafür schreibst du gleich eine Strafarbeit! Und zwar einen Aufsatz von fünf Seiten über die Gesetzbücher des hohen Gerichts. Morgen will ich die Arbeit auf meinem Pult haben!“
Soratas Gesichtsausdruck sprach Bände. Es verzog sich, als hätte er gerade in ein besonders saures Exemplar einer Zitrone gebissen. Emi schlug ihm aufmunternd auf die Schultern.
„Du kannst es einfach nicht lassen, was, Bruder? Du weißt doch, dass man Azuma nicht auf seine Flamme ansprechen darf“, grinste er frech.
„Emi. Das hab ich gehört und du kannst dich gleich an der Arbeit von Sorata beteiligen. Zusammen schreibt ihr zehn Seiten!“
„Was!! Aber das ist unfair! Ich hab doch gar nichts gesagt!“, protestierte Emi laut.
„Wollt ihr zwanzig Seiten schreiben?“, drohte Azuma mit zusammengekniffenen Augen.
„Aber sonst geht’s ihnen noch gumpf.. hmmpf...“
Emis erneuter Protest ging durch die Hand von Sorata unter.
„Ah... haha... schon gut... wir tuns ja Herr Mori-sama“, sagte Sorata während er dem immer noch wild gestikulierenden Emi die Hand vor den Mund hielt.
Von der gesamten Klasse war ein Kichern zu hören, wobei die Stimme von Miharu ganz besonders laut zu hören war. Ja das geschah diesem ungehobelten Typ ganz Recht.

Die Schulglocke erlöste Sorata aus der Situation und somit auch Emi aus dessen Umklammerung.
„Hey du Idiot! Ich wär beinahe erstickt!“
„Selber Idiot! Du bist doch schon tot.“
Eine weitere Kopfnuss Soratas sollte diese Tatsache Emi wohl bewusst machen.
Erneutes Gelächter war zu hören, in welches nun auch Azuma einstieg. Yui lachte ebenso herzlich wie alle anderen. Es war die richtige Entscheidung gewesen hier in Yetzirah zu bleiben. Bereits hatte sie ihre Klasse ins Herz geschlossen mit all ihren Macken. Sie erinnerte Yui an ihre Freunde auf der Uni. Ihre Stimmung änderte sich, als ihre Gedanken zu Sei wanderten. Wie es ihm wohl ging? Ein seltsames Gefühl breitete sich in Yui aus. Schon als sie noch lebte, war ihr irgendwie bewusst gewesen, dass sie für ihn mehr empfand als nur Freundschaft. Doch nun da sie nicht mehr bei ihm war, merkte sie dass dieses Gefühl doch stärker war, als sie angenommen hatte.
Yukari bemerkte den Stimmungswandel von Yui und sah sie etwas besorgt an.
„Alles in Ordnung?“
„Ja... ja danke. Ich dachte nur gerade an meinen Freund Se..“
Ein gleissendes Licht erhellte den gesamten Klassenraum und nahm Yui völlig ein. Drei Sekunden später war das Licht verschwunden und alle rieben sich die geblendeten Augen.
„Was war das nun wieder? Sind alle ok?“
Ein bejahendes Gemurmel war aus der Klasse auf Azumas Frage zu hören.
„Wo... wo ist Yui?“
Alle drehten sich zu ihrem Platz, der nun leer im Raum stand, um.
Sie und auch Tomo waren verschwunden.

Serelith
12.03.2005, 21:59
5. Vertrauter Feind

Er dachte nicht darüber nach, warum er nach Gehenna gehen sollte. Es war ein normaler Auftrag. Toshii führte diese immer aus ohne nach den Hintergründen zu fragen. Ein Überbleibsel aus seiner Lebenszeit als Diener bei den Takedas. Damals wurde ebenfalls nicht nach dem wieso und warum gefragt. Es wurde einfach gemacht. Wohl auch auf Grund dessen sagte man Toshii nach, dass er nichts als eine kalte und seelenlose Puppe sei. Ihm war es jedoch egal, was andere über ihn dachten.
Schnell ging er von Daath zurück nach Jessod. Niemand der seinen Weg kreuzte, grüßte ihn. Es wäre auch sinnlos gewesen, denn er hätte garantiert keine Antwort gegeben. Sie sahen ihm jedoch hinterher und oft hörte man leises Getuschel.

Wieder zurück in zurück in Jessod betrat er das Verwaltungsgebäude und lenkte seine Schritte Richtung Untergeschoss. Dort befand sich das Dimensionentor. Die einzige direkte Verbindung zwischen Yetzirah und Gehenna. Toshii stieg die Treppe zum Keller hinab und blieb vor einer Glastür stehen. Dahinter befand sich ein riesiges Labor. Es wirkte fremd an diesem Ort und wollte sich so gar nicht in seine Umgebung einfügen. Niemand hätte wohl unter diesem Verwaltungsgebäude ein derartig technisch fortschrittliches Labor erwartet.
Die Glastür öffnete sich automatisch und ein grün aufleuchtendes Lämpchen hieß ihn herein zu kommen.
„Ah Takeda-sama. Wir haben Sie bereits erwartet. Zadkiel hat uns informiert“, begrüsste ihn ein Mann in weissem Kittel. Ein Wissenschaftler wie er im Buche stand: zerzauste Haare, Brille mit dicken Gläsern, ein Bleistift hinters Ohr geklemmt.
„Wir haben alles vorbereitet. Sie müssen nur noch einsteigen und ab geht’s. Die Gegenseite wurde ebenfalls informiert. Sie werden also erwartet werden.“
Ohne ein Wort zu sagen, ging Toshii an dem Mann vorbei in einen weiteren Raum. Nur ein Steuerungspult und eine Plattform standen in dem ansonsten kahlen Raum. Schwaches Licht beschien die kleine Erhöhung.
„Haben Sie schon einmal eine Reise durch das Dimensionentor gemacht?“
„Nein..“
„Dann werde ich Ihnen die Grundregeln erklären.
Sie stellen sich nun auf diese Plattform. Bitte vermeiden Sie schnelle Bewegungen während des Transportes, da wir sonst nicht gewährleisten können, dass sie in einem Stück ankommen.
Halten Sie die Augen geschlossen. Während des Transportes werden Sie ein Kribbeln im ganzen Körper verspüren, aber keine Sorge. Das ist normal. Ihr Körper wird sich in flüssige Materie verwandeln und durch das Dimensionentor fließen. Das Portal auf der anderen Seite wird den gesamten Vorgang umkehren und ihren Körper festigen. Alles in allem dauert es etwa fünf Sekunden“, leierte der Mann in seiner typischen wissenschaftlichen Sprache hinunter, während er Toshii auf die Plattform schob.
Das Licht, welches aus dem Boden schien, intensivierte sich und eine Art Hülle aus reiner Energie baute sich um die Plattform herum aus.
Der Wissenschaftler ging zurück ans Steuerpult und legte einen Hebel um. Bereits spürte Toshii das erwähnte Kribbeln.
„Bitte schließen Sie die Augen. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise“, sagte er mit einem breiten Grinsen auf den Lippen.

Toshii tat wie ihm geheissen und schon kurze Zeit später fühlte er das Kribbeln stärker werden. Eine enorme Müdigkeit erfasste seinen Körper, doch sein Geist war hellwach. Er hatte das Gefühl aus seinem Körper zu gleiten. Toshii war versucht die Augen zu öffnen, doch er beließ es bei dem Gedanken. Weißes Licht breitete sich um ihn herum aus, bis er schliesslich in einem einzigen leeren Raum schwebte. Nur ein kleiner schwarzer Punkt weit weg in der Ferne war zu sehen. Nicht grösser als eine Stecknadel. Doch er wurde in Sekundenbruchteilen grösser, als Toshii zu ihm hingezogen wurde und schliesslich davon verschluckt wurde. Schwärze umgab ihn und das Kribbeln in seinem Körper kehrte zurück.

„Hey! Alles in Ordnung? Wohl das erste Mal durch das Portal gereist was?“, empfing ihn eine fremde Stimme.
Als Toshii die Augen öffnete und nach einigen Sekunden wieder klar sehen konnte, schien er sich immer noch im gleichen Labor zu befinden. Doch als er wieder richtig sehen konnte, erkannte er einen Mann mit feuerroten Haaren und katzenartigen Augen, der hinter demselben Steuerpult stand, wie vorhin der Wissenschaftler in Yetzirah.
„Willkommen in Gehenna“, begrüsste er Toshii noch einmal grinsend.
„Mein Name ist Van Gakuso, kannst mich aber ruhig Van nennen. Ich werde dein Führer sein während deiner Zeit in Gehenna. Der Rat von Yetzirah hat dich bereits angekündigt. Morgen werde ich dich zum hohen Rat von Gehenna bringen. Für heute solltest du dich jedoch ausruhen.“
Der Mann, welcher sich mit dem Namen Van vorgestellt hatte, trat nun zu ihm und legte einen Arm um Toshiis Nacken.
„Wenn du dich ausruhen willst, wir haben hier eine gute Bar. Da ist immer viel los und die Drinks sind klasse. Mal ganz abgesehen von den Frauen...“

Ein freudiges Lächeln umspielte Vans Lippen und seine Augen fingen an zu funkeln. Toshii in seinem Griff behaltend schleppte er ihn aus dem Labor. Etwas schwankend folgte Toshii dem jungen Mann notgedrungen. Sie traten aus dem Transportraum hinaus in einen langen offenen Gang. Sie mussten wohl in einem Schloss oder ähnlichem sein. Der Gang war gesäumt von hohen Säulen, die ihn von dem riesigen Garten abtrennten. Zwischen den Säulen war der Blick frei auf den weitläufigen Garten, dessen Ende man nicht sehen konnte. Aber anscheinend schien er von den Gemäuern eingerahmt zu sein, denn auf beiden Seiten gingen weitere Säulengänge ab. Nicht gerade ein Anblick, den man von der Unterwelt erwarten würde. Nicht zu zählende Bäume standen in dem Garten. Das Gras leuchtete in frischem grün und viele verschiedene Blumen bildeten den Kontrast. Jedoch das Licht hier hatte eine seltsame Auswirkung. Es war matt und schimmerte rötlich, wie das Abendrot eines Sonnenuntergangs. Doch es stand weder Mond noch Sonne am Himmel. Anscheinend herrschten hier weder Tag noch Nacht. Das Ganze legte eine eigenartige Stimmung über den ansonsten wunderschönen Garten.
„Nicht das, was du erwartet hast oder?“, grinste Van Toshii an, als dieser den überraschten Gesichtsausdruck von ihm sah.
Toshii erwiderte nichts und löste sich aus Vans Umarmung. Gemeinsam gingen sie nun den langen Gang entlang, bis sie schliesslich vor einem grossen Eisentor standen.

„Hey! Salmos, beweg deinen Hintern und mach endlich auf!“, rief Van dem Eisentor zu.
„Ja, ja, schon gut. Es ist nicht gerade ein Zuckerschlecken dieses Tor alleine zu öffnen, also halt den Rand!“, erwiderte eine wütenden Stimme barsch.
Van konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Schliesslich öffnete sich das Tor mit lautem Knacken und Knirschen. Der Weg in eine große, lebendige Stadt lag frei. Wesen von seltsamem Äusseren, aber auch scheinbar normale Menschen gingen geschäftig ihren Arbeiten nach. Niemand achtete auf Van oder Toshii, als sie beide durch das Tor hinausschritten. Eine lange Strasse, gesäumt von vielen Marktständen, Bars, Restaurants und einschlägigen Etablissements zog sich bis zu einem großen Platz am anderen Ende hin.
Viele Seitengassen zweigten in die augenscheinliche Hauptstrasse ein.
Diese Stadt war ein seltsamer Mix aus Moderne und Altertum. Einzelne Gebäude sahen aus, als ob sie vor tausenden von Jahren gebaut worden waren und andere wiederum erstrahlten in neuem Glanz. Die Straßen wurden von Fackeln und Laternen erhellt. In den Häusern allerdings brannten moderne Lampen.
Neonlichter hatten ihren Platz neben normalen Holzschildern. Auch die Wesen, welche hier hastig auf und ab liefen, waren genau so verschieden. Kleine, Große, solche denen man sofort ansah, dass sie Dämonen waren und wieder andere, die gut und gerne als normale Menschen hätten durchgehen können.
Toshii musste zugeben, dass es wirklich nicht das war, was man erwartet hätte. Hier herrschte, ironischerweise, das Leben und alles war voller Energie.

„Steh da nicht rum wie bestellt und nicht abgeholt. Komm, ich zeig dir unser wunderschönes Gehenna“, rief ihm Van zu, der schon vorausgegangen war.
Niemand schien sich an Toshii zu stören, obwohl es klar sein musste, dass er ein Engel war. Dämonen und Engel erkannten einander sofort. Toshii kämpfte sich nun also ebenfalls durch das dichte Gedrängel, bis sie schliesslich vor einem dieser einschlägigen Etablissements standen.
Eine grelle Neontafel beleuchtete den Eingang. Van stieg mit einem vor Vorfreude strahlenden Gesicht die kleine Treppe hoch. Toshii hatte nun wirklich keine Lust, da hinein zu gehen. Zu viele Wesen, zu viele Emotionen. Es fiel ihm schon schwer hier auf dieser so belebten Strasse zu stehen. Toshii sah Van hinterher und wandte sich dann ab. Er würde auch ohne ihn einen Schlafplatz finden, denn der Rat erwartete ihn erst morgen. Allerdings könnte es für ihn noch schwierig werden zu entscheiden, wann es morgen war. Doch ehe er sich darüber Gedanken machen konnte, packte ihn auch schon eine Hand am Arm und riss ihn zurück.
„Wo willst du hin? Es ist garantiert nicht gesund für dich hier irgendwo ohne mich hinzugehen“, sagte Van mit ernstem Gesicht.
Toshii riss sich los und sah Van nur mit ausdruckslosen Augen an. „Ich kann mich selbst verteidigen danke.“
„Natürlich kannst du das, aber nicht du alleine gegen alle Dämonen. Der einzige Grund, warum du hier noch nicht angegriffen wurdest ist, weil du mit mir hier bist.“
„Welchen Grund hätten sie mich anzugreifen.“
„Brauchen Dämonen Gründe?“
Das war tatsächlich eine berechtigte Frage. Trotz des Gleichgewichtes, welches herrschte und beide Seiten respektierten, waren sich Licht und Dunkelheit immer noch sehr skeptisch und misstrauisch gegeneinander gestellt. Ein Krieg von mehreren hundert Jahren ging nun mal nicht spurlos vorüber.
Toshii überlegte sich das Für und Wider. Eigentlich hätte es ihm nichts ausgemacht, wenn die Dämonen ihn angegriffen oder vielleicht gar getötet und somit für immer vernichtet hätten. Doch er hatte einen Auftrag und den musste er erfüllen. Also entschloss er sich trotzdem widerwillig mit Van mitzugehen.

„Ha! Ich wusste doch, dass du dir solche Schnecken nicht entgehen lässt!“, sagte Van mit einem breiten Grinsen und deutete auf die Tür des Etablissements. Eine mehr als leichtbekleidete Frau stand in der Tür. Ihre langen schwarzen Haare umspielten spielerisch ihren wohlgeformten Körper. Nur bekleidet mit ihrer Reizwäsche erwartete sie die beiden Gäste. Van stiess Toshii begierig vor sich her. Dieser ging an der Frau vorbei, ohne sie einmal anzusehen, was diese mit einem feurigen Blick zur Kenntnis genommen hatte.
„Was hast du denn da für einen angeschleppt. Der macht ja einen auf ganz cool“, sagte die leichtbekleidete Frau.
„Der macht nicht nur auf einen, der ist tatsächlich so. Kälter als ein Kühlschrank, glaub mir.“
„Hn... eine harte Nuss also. Das sind mir die Liebsten. Ausserdem… mit einem Engel...“, die Frau biss sich leicht auf ihren Finger, „habe ich es nun noch nie gemacht. Das verspricht ein interessanter Abend zu werden.“

„Hey... Hey! Wach auf!“
Tausend kleine Engel schienen in Vans Kopf gerade Sturm zu läuten. Mit einem energischen Wischer seiner rechten Hand versuchte er die kleinen Biester aus seinem dröhnenden Schädel zu vertreiben, doch sie machten keine Anstalten zu verschwinden. Stattdessen wurde er nun auch noch angeschubst und irgendjemand schien mit einem Megaphon direkt in sein Ohr zu schreien.
„Jetzt wach endlich auf!!“
„WAS?“, schrie er laut und genervt zurück.
„Wir müssen gehen. Der Rat erwartet mich.“
Van öffnete mit Mühe seine Augen und sah in das gefühllose Gesicht von Toshii.
„Hör auf so rumzuschreien, sonst platzt mein Schädel…“, brachte Van mühsam hervor.
Er setzte sich auf und bereute es gleich wieder. Der ganze Raum schien sich um ihn zu drehen und er musste sich sicher gleich das Essen des letzten Tages noch mal durch den Kopf gehen lassen. Er stützte seinen schweren Kopf auf beide Hände.
„Ich gehe.“
„Warte, warte. Wo sind wir hier eigentlich?“
„In deiner Wohnung.“
Van sah sich etwas verwundert um und musste dann feststellen, dass es stimmte.
„Wie… wie sind wir hierher gekommen? Du wusstest doch gar nicht welche meine Wohnung ist. Und überhaupt. Was ist gestern alles passiert? Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich ein paar Steinstatuen in ihre Einzelteile zertrümmert habe. Was davor geschah weiss ich nicht mehr. Ah nein warte. Erzähle es mir nicht. Ich wills gar nicht wissen“, besann sich Van eines Besseren. Er wusste nur zu gut, wie solche Abende oft ausuferten.
„Also ich gehe nun.“
„Jetzt warte doch mal. Du kannst nicht alleine gehen. Ich bin dein Begleiter und muss dich hinbringen. Ausserdem weißt du gar nicht, wo der hohe Rat ist.“
„Ich wusste auch nicht, wo deine Wohnung ist.“

Van setzte zu einer Erwiderung an, liess es dann aber bleiben.
„Warte noch, ich bin gleich soweit.“
Toshii wollte jedoch nicht so lange warten. Ohne weiter auf den arg mitgenommenen Van zu achten, verließ er dessen Wohnung und trat ins Freie. Dieser Dämon war schon sehr seltsam.

Nachdem sie diese Bar betreten hatten, steuerte Van sofort an den Tresen und bestellte sich einen Doppelten. Diesen trank er mit wenigen Schlücken leer und sofort stand wieder ein Neuer für ihn bereit. Anscheinend war er bekannt in dieser Bar, denn sofort sammelte sich eine Traube aus leicht bekleideten Frauen um ihn und sie taten alles, um ihn mit ihren Reizen zu überzeugen. Was augenscheinlich nicht vieler Überredungskunst bedurfte. Während Van am Tresen von Frauen belagert wurde, suchte sich Toshii einen ruhigen Platz, was sich als schwierige Suche herausstellte. Schliesslich fand er doch noch eine Couch in einer Ecke und setzte sich dorthin. Von hier hatte er einen guten Überblick und hatte sowohl den Eingang als auch den Tresen im Blickfeld.

Es waren noch fünf weiter Männer in dieser Bar. Zwei saßen ebenfalls am Tresen und lauschten den Geschichten von Van. Einer verschwand gerade mit einer Dame im Obergeschoss. Ein weiterer saß mit zwei Frauen an einem kleinen Tisch und seine Hände waren gerade auf Entdeckungsreise. Alles keine verdächtigen Gestalten, was man von der letzten nicht behaupten konnte. Ein Mann in schwarzem Mantel und Kapuze saß alleine an einem Tisch und rauchte eine Zigarette. Sein Gesicht war nicht zu sehen, denn er hatte die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Toshii konnte ihn nicht direkt sehen, denn nur sein Ebenbild war in einem grossen Wandspiegel zu sehen. Dieser seltsame Mann schien ebenfalls Van zu beobachten.
Plötzlich nahm ihm jemand die Sicht auf diesen Mann. Die Frau, welche sie am Eingang begrüßt hatte, setzte sich nun zu ihm auf die Couch.
„Ein so gut aussehender Mann sollte nicht in einer dunklen Ecke sitzen.“
Sie schlug ihre langen und schlanken Beine übereinander.
„Schon gar nicht alleine“, fügte sie mit einem Schmunzeln an.
Toshii reagierte weder auf ihre Worte noch auf sie selbst. Er beobachtete nur Van, wie er etwas erzählte und die Frauen um ihn herum laut kicherten.
Die Frau rückte näher an ihn heran und versuchte eine Hand an seine Wange zu legen. Doch Toshii ergriff sie mit einer schnellen Bewegung und umfasste fest ihr Handgelenk.
„Fass mich nicht an.“
„Tu ich doch gar nicht. Du bist es, der mich anfasst“, erwiderte die Frau schlagfertig.
Toshii musterte sie von oben bis unten. Ihre langen, schwarzen Haare reichten bis auf den Couch hinunter. Sie hatte smaragdgrüne Augen und schöne, volle Lippen. Ihr Gesicht war eben und gleichmässig.
„Gefällt dir, was du siehst?“
Toshii schwieg eine Weile, liess dann ihr Handgelenk los und wandte sich wieder von ihr ab.
„Wie sollte es mir gefallen, wenn ich nicht sehe, wie sie wirklich sind.“
Ein überraschter Ausdruck auf dem Gesicht der Frau war zu sehen, jedoch nur für einen kleinen kurzen Augenblick. Sie nahm die Hand zurück und stand auf.
„Dann werde ich mir etwas anziehen.“

Mit diesen Worten verliess sie Toshii und verschwand auf der Treppe, nur um kurze Zeit später in einer Jeanshose und einem Top zurückzukommen. Erneut setzte sie sich neben Toshii, behielt jetzt jedoch Abstand.
„Besser so?“
Seine Augen huschten nur schnell zu ihr, um sich dann gleich wieder auf Van zu richten. Sie hatte sofort begriffen, dass hier nichts zu holen war. Sie kannte sich in ihrem Metier aus und wenn ein Mann nichts wollte, dann konnte man ihn nicht dazu zwingen. Und was war schon gegen eine nette Plauderstunde einzuwenden.
„Keine Antwort ist auch eine Antwort“, sagte sie herzlich lächelnd. Und es war kein aufgesetztes Lächeln, wie sie es ihren Kunden sonst immer entgegenbrachte, sondern es war echt.
„So... und was macht ein Engel hier in Gehenna, wenn man fragen darf?“
Toshii gab ihr keine Antwort. Er hatte weder das Bedürfnis mit ihr zu reden, noch mit ihr überhaupt Zeit zu verbringen. Er wartete nur darauf, dass Van nach Hause ging.
Als sie keine Antwort bekam, folgte sie seinem Blick und sah nun ebenfalls Van, wie er wild gestikulierend auf dem Tresen stand und wohl irgendeine Schlacht nachahmte. Die Frauen lachten jedes Mal laut und herzlich, wenn ihr ihnen zuzwinkerte.
„Er ist schon etwas Besonderes. Er kommt immer hierher um etwas zu trinken und um Geschichten zu erzählen. Nie will er etwas anderes von uns.“
Toshii hörte ihr nur stumm zu.
„Er ist so aufgestellt und immer guter Laune. Sobald er diese Bar betritt, hebt sich die Stimmung sofort. Van hat immer einen Spruch auf den Lippen und er hat die Gabe, andere zum lachen zu bringen. Damit gibt er uns soviel in diesen schweren Zeiten.“
Sie verstummte und senkte ihren Blick. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Als sie bemerkte, dass Toshii sie beobachtete, winkte sie nur abwehrend ab.

Sie wollte gerade etwas sagen, als die Tür regelrecht aufgetreten wurde. Anstelle von Worten kamen nur tiefe Seufzer aus ihrem Mund. Sie stand auf und ging auf die beiden Männer zu, die gerade die Bar betreten hatten.
„Was macht ihr hier? Ich habe gesagt, dass ihr hier Hausverbot habt. Also zieht gefälligst Leine.“
Sie war mindestens einen Kopf kleiner als die beiden Männer und trotzdem warf sie ihnen solche Worte an den Kopf. Mut hatte sie ja, das musste man ihr lassen.
„Du kleine Hure hast uns gar nichts zu befehlen. Hier!“
Einer der Kerle warf einige Münzen auf den Tresen.
„Ich bezahle und ihr tut gefälligst, was ich will.“
Ein hämisches Grinsen ging über die Gesichter der beiden Männer. Die Frauen, welche sich um Van geschart hatten, waren zurückgewichen.
„Ihr könnt euer dreckiges Geld mitnehmen. Ich will und brauche es nicht, also haut ab.“
Sie sah den beiden mit festem Blick in die Augen und deutete auf die Tür. Einen Augenblick lang passierte gar nichts, doch dann konnte man bei einem der Männer regelrecht zusehen, wie sich Wut in ihm anstaute und gleich explodieren würde.
„Du kleine Hure hast mir gar nichts zu befehlen!“, rief er zornig und holte zum Schlag aus.
Doch sie hatte ihn schon kommen sehen, wich ihm geschickt aus und verpasste dem Koloss mit ihrem Ellbogen einen gezielten Schlag in die Nieren. Ein Schmerzensschrei entfuhr seiner Kehle und er taumelte gegen die Wand. Der andere wollte nun ebenfalls seine Fäuste sprechen lassen, doch sein Schlag wurde von der Hand Vans aufgehalten.
„Wage es ja nicht“, zischte er leise. Ein gefährlicher Unterton lag in seiner Stimme. Als sein Gegenüber erkannte, wer vor ihm stand, weiteten sich seine Augen und Panik trat an die Stelle des Zornes.
„Gakuso-sama! Tut... tut mir leid. Wir wussten nicht, dass sie hier sind. Wir... wir haben sie nicht gesehen“, stotterte er. Auch der andere nahm nun eine demütige Haltung ein, nachdem er sich aufgerappelt hatte. Mit verbeugenden Bewegungen verließen sie die Bar wieder.

Anscheinend war Van tatsächlich ein Dämon mit hohem Rang, wenn selbst solche Schränke von einem Mann in demütiger Haltung vor ihm kuschten. Denn die Beiden zusammen hätten Van mit Leichtigkeit überwältigt – dachte zumindest Toshii.
Van legte der Frau einen Arm um die Schultern und meinte mit einem belustigten Grinsen: „Warum legst du dich auch immer mit den schlimmsten Schlägertypen der Stadt an, Raika?“
„Ich lege mich nicht mit ihnen an. Sie legen sich mit mir an und meist kommen sie dabei nicht so glimpflich davon“, beantwortete sie die Frage mit einem gewinnenden Lächeln. Van schloss die Augen und machte einen theatralischen Gesichtsausdruck.
„Ja… Ja das kann ich mir nur zu gut vorstellen. Ich würde mich auch nicht mit dir anlegen wollen.“
Beide lachten einander wissend an und Raika gab Van einen kleinen Schubs in die Seite, bevor sie sich wieder zu Toshii setzte.
Van stieg zurück auf den Tresen und fuhr mit seiner Geschichte fort. Die Frauen waren sofort wieder gebannt von seiner Stimme und scharten sich erneut um ihn.
„Entschuldige die kleine Störung, doch das kommt immer mal wieder vor.“
„Van scheint gefürchtet zu sein“, bemerkte Toshii.
„Nicht gefürchtet, aber geachtet. Er ist der Oberbefehlshaber unserer Armee. Niemand kann so gut kämpfen wie er. Manche sagen, sein Können würde dem von Luzifer gleich kommen. Doch wer will dies schon messen können. Luzifer ist seit mehreren hundert Jahren verschwunden.“
Eine Armee? Die Dämonen besaßen eine Armee? Das war Toshii neu. Vielleicht waren dies die Aktivitäten, die der hohe Rat von Yetzirah meinte. Auf jeden Fall war es eine nützliche Information, welche er gerade wohl eher unbeabsichtigt erhalten hatte. Toshii liess sich nichts anmerken und nickte nur, als wüsste er das alles schon.
„So... war nett mit dir zu plaudern, aber ich muss nun wieder an meine Arbeit.“
Mit diesen Worten verschwand sie die Treppe hinauf. Sie würde sich wahrscheinlich wieder umziehen.

Den Rest des Abends verbrachte Toshii damit, die Bar und ihre Besucher zu beobachten. Er erhielt viele Eindrücke vom Leben der Dämonen. Er hatte beinahe das Gefühl auf Malkuth zu sein, wären da nicht einzelne Dämonen gewesen, die auch wirklich wie solche aussahen. Nicht viel unterschied Gehenna von der Welt der Menschen.
Schliesslich war nur noch lautes Lallen von Van zu hören und er konnte keinen einzigen Satz mehr gerade aussprechen, geschweige denn auf dem Tresen wild herumgestikulieren. Raika kam nun auf Toshii zu, der sich nicht einmal von seiner Couch erhoben hatte.
„Ich glaube Van hat nun genug getrunken. Hilfst du mir ihn in sein Bettchen zu bringen?“, fragte sie ihn.
Toshiis Blick ging zu dem total betrunkenen Van, zurück zu Raika und nochmals zu Van. Sie alleine würde ihn wohl kaum dorthin verfrachten können und ihn hier lassen konnte man auch nicht. Wer wusste schon, was er noch alles anstellte. So stand er also auf und ging hinüber an den Tresen. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie der seltsame Mann sich nun ebenfalls rührte. Auch er hatte die ganze Zeit ruhig an seinem Tisch gesessen.
„Wie nett“, strahlte Raika ihn an.
„Du könntest glatt als Dämon durchgehen“, grinste sie ihn an.
Toshii hob nur eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu.
Ein lautes Poltern ließ Toshiis Aufmerksamkeit auf den Tresen lenken. Lautes Lachen kam dahinter hervor und eine Hand versuchte verzweifelt das Gewicht von Vans Körper wieder hochzuziehen. Van war vom Tresen gefallen.
„Höchste Zeit, dass wir gehen“, sagte Raika.
Toshii half Van auf die Beine und stützte ihn, indem er seinen Arm über die Schultern zog. Raika ging voraus und hielt ihnen die Tür auf.
„Schiao Bellas. Ich kohme morgön janz beschimmt wieder. Seid aulso schön artig ja?“, lallte Van den Frauen zu, die bis zuletzt bei ihm geblieben waren. Begleitet von seinen mehr als fraglichen Gesangskünsten verliessen Raika und Toshii zusammen mit Van die Bar. Toshii war sich sicher, dass sie nicht die Einzigen waren.

„Wir werden verfolgt“, bemerkte auch Raika schon nach kurzer Zeit.
„Er war in der Bar und hat Van die ganze Zeit beobachtet“, erklärte Toshii.
„Ich weiss, ich hab ihn gesehen. Aber ich weiss nicht, wer er ist.“
„Das werden wir sicher bald herausfinden.“
Kaum hatte Toshii diese Worte über seine Lippen gebracht, tauchten auch schon zwei Männer aus dem Schatten eines Hauses hervor. Allerdings war unter ihnen nicht der, den sie vermutet hatten.
„Ach nein. Was soll das denn nun. Habt ihr immer noch nicht genug?“
Raika stemmte ihre Hände in die Hüfte und sah ihre Gegenüber mit blitzenden Augen an. Es waren die beiden Männer, die sie vorhin aus ihrer Bar vertrieben hatte.
„Ihr legt es wohl darauf an was? Überlegt euch gut, was ihr tut. Mit euch zwei werde ich auch alleine fertig!“ sagte Raika entschlossen. Toshii zweifelte keine Minute daran. Doch die beiden Männer antworteten nur mit einem hämischen Grinsen. Anscheinend hatten sie etwas vor. Auf ein unsichtbares Zeichen hin traten aus den Schatten der umliegenden Häuser weitere Männer.
„Oh ihr habt euch also Verstärkung geholt. Dann werde ich wohl doch deine Hilfe beanspruchen müssen“, meinte sie an Toshii gerichtet.
Sie waren nun umzingelt von Schlägertypen. Ihre Gegenüber waren Männer mit Schultern so breit wie Schränke und Nacken wie Stiere. Sie hatten mindestens eine Größe von zwei Metern. Etwas war allerdings seltsam an ihnen. Ihre Gesichter waren ausdruckslos und zeigten keine Art von Gefühlen, ja nicht mal Leben.
An ihren wuchtigen Handgelenken hingen Ketten und in ihren Händen hielten sie gewaltige Äxte. Damit hätten sie einen Baum nur mit einem Schlag fällen können. Doch irgendetwas sagte Toshii, dass sie sie nicht zum Bäume fällen gebrauchten.
„Nun bist du fällig, du kleine Schlampe. Dein Beschützer ist zu betrunken, als das er kämpfen könnte und der andere“, er machte eine kurze Pause und sah Toshii mit verachtendem Blick an, „Pah, das ist nur ein Engel, der hier sowieso nichts zu suchen hat. Den werden wir als Bonus fertig machen!“
Ein hinterhältiges Lachen war von den Beiden Krawallmachern zu hören.

Ein Kopfnicken von einem der beiden Männer, veranlasste die Anderen anzugreifen. Wie auf Kommando fingen sie an ihre schweren Eisenketten zu schwingen und liefen dann gleichzeitig auf die kleine Gruppe zu. Eine kurzer Blickwechsel von Raika und Toshii und beide sprangen sie mit Van in die Höhe. Raika trennte sich von Toshii und Van und sprang auf ein nahe gelegenes Haus.
Schon nach kurzer Zeit war Raika umzingelt von drei Riesen. Toshii verschwand derweil in einer Seitengasse, sprang auf einen kleinen Balkon und legte Van hin. Der schien friedlich zu schlafen und hatte von dem Ganzen nichts mitbekommen. Darauf hatten es die beiden Männer wohl angelegt.

Toshii liess Van alleine und kehrte auf die Straße zurück. Raika wehrte sich gerade gegen drei Riesen und Toshii wollte ihr zu Hilfe kommen, als ihm zwei Typen von der gleichen Sorte den Weg versperrten. Ein diabolisches Grinsen umspielten die harten Gesichtszüge der Männer.
„Wohin so eilig? Man hat nicht alle Tage das Vergnügen einem Engel die Federn auszureissen.“
Einer der Männer, die vorhin in der Bar gewesen waren, trat nun zwischen den Riesen hervor. Er war ja schon groß gewesen, doch nun umringt von den Anderen wirkte auch er nur noch als kleiner Mann.

Toshii stand ganz ruhig und liess sich nichts anmerken. Innerlich schossen seine Gedanken wie wild durch den Kopf. Er analysierte die Lage und seine Chancen zu gewinnen. Die waren angesichts der Überzahl des Feindes verschwindend gering. Dazu hatte er keine Waffen bei sich. War man als Bote unterwegs, trug man keine Waffen als Zeichen des Friedens.
„Schnappt ihn! Aber bringt ihn nicht um. Ich will noch meinen Spaß haben“, dröhnte es aus der Kehle seines Gegenübers.
Auf dieses Zeichen hin schossen die schweren Eisenketten auf Toshii zu. Er konnte gerade noch rechtzeitig mit einem großen Sprung entkommen. Doch einer der Riesen hatte seine Aktion vorhergesehen und erwischte Toshiis linkes Bein. Die Kette umschlag seinen Knöchel und mit einem starken Ruck wurde er zurück auf den Boden befördert. Hart schlug er auf dem Boden auf. Lautes Gelächter war zu hören.
Doch Toshii würde sich nicht so leicht geschlagen geben. Mit einem kräftigen Ruck stiess sich Toshii vom Boden ab und drehte sich dabei einmal um sich selbst. Derjenige, der die Kette in der Hand gehalten hatte, war so überrascht gewesen von der plötzlichen Bewegung, dass ihm die Kette aus der Hand gerissen wurde. Nun sahen die Chancen auf einen Sieg doch erheblich besser für Toshii aus.
Ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen, aber nur für kurze Zeit. Dann wurden seine Gesichtszüge hart und eisern. Von einem Moment auf den Anderen schoss er auf die Gruppe zu. Kurz bevor er mit einem der Riesen zusammengestoßen wäre, sprang er über sie hinweg durch die Luft. Während seinem kurzen Flug schwang er seine Kette, welche sich dabei um den Hals des Riesen legte. Nach seiner Landung in Mitten seiner Gegner zog er einmal kräftig daran und der Riese verlor sein Gleichgewicht. Während er zu Boden fiel, nahm er gleich noch einen weiteren mit. Toshii sprang mit einem weiteren Satz zu den beiden am Boden liegenden Männern und setzte sie mit einem gekonnten Schlag ins Genick endgültig außer Gefecht. Die würden eine Zeitlang schlafen.

Toshii richtete sich auf und sah in das angsterfüllte Gesichts des Mannes, der ihm gerade noch die Flügel ausreissen wollte. Er wollte sich gerade um ihn kümmern, als sich kalter Stahl um seinen Hals legte und fest zugezogen wurde. Toshii wurde hochgehoben und nun baumelte er, nach Luft ringend, mindestens einen Meter über dem Boden. Verzweifelt versuchte er sich zu befreien, doch es gelang ihm nicht. Toshii zwang sich zur Ruhe. Er winkelte seine Beine an und stiess sich vom Körper seines Peinigers ab. So entriss er sich der Umklammerung der eisernen Kette. Der Riese kam dabei aus dem Gleichgewicht und taumelte einige Schritte rückwärts. Toshii nutzte dies sofort aus und mit einem zielsicheren Tritt beförderte er ihn auf den staubigen Boden. Noch ehe der Riese wieder zu sich kam, wendete Toshii den gleichen Schlag an, wie er ihn schon bei den anderen eingesetzt hatte.
Es war ein Schlag gegen einen bestimmten Nerv, der seinen Gegner für Stunden außer Gefecht setzte. Allerdings war er schwer zu treffen und er konnte sogar töten. Doch Toshii wusste was er tat.
Der Riese sank bewusstlos zusammen. Toshii wollte sich nun endgültig um den anderen Kerl kümmern, doch er war verschwunden.

Plötzlich knallte etwas nur wenige Zentimeter neben ihm auf den Boden.
„Hoppla.. alles in Ordnung da unten?“
Raika lehnte sich über den Dachrand und sah belustigt zu Toshii hinunter. Anscheinend hatte sie gerade einen ihrer Gegner über den Rand des Daches geworfen.
„Pass auf!“ rief ihr Toshii zu, als über ihr ein Schatten zu sehen war. Ohne sich umzudrehen, riss sie ihren linken Ellenbogen nach hinten und landete einen präzisen Treffer in der Magengrube ihres Gegners und blockte damit den Angriff ab. Ihr Gegner fiel zusammen wie ein Kartenhaus.
„Pass besser auf dich selbst auf.“

Toshii bemerkte, dass sein Schatten immer größer wurde. Blitzschnell hob er sein Bein, drehte sich einmal um sich selbst und traf die rechte Bauchseite seines Angreifers. Dieser zuckte jedoch nicht einmal mit der Wimper. Er packte Toshiis Bein und wirbelte ihn herum. Hart durchschlug er die Mauer eines alten Gebäudes, bis er schliesslich von einem Holzpfeiler abgefangen wurde. Kopf und Schultern machten schmerzhafte Bekanntschaft mit dem harten Holz. Sein Schädel dröhnte beachtlich.
Er war immer noch etwas benommen als er schmerzhaft spürte, wie er hochgehoben wurde. Der Griff um seinen Hals festigte sich und drehte ihm die Luft ab. Toshii griff nach etwas Hölzernem und schlug es seinem Angreifer um den Schädel. Doch dieser schüttelte nur einmal kurz seinen Kopf.
´Verdammt.. verspürt der keinen Schmerz?`, dachte Toshii verzweifelt.
Er konnte sich nicht aus dem Würgegriff befreien und nun da er hochgehoben wurde, konnte er auch nicht nach etwas das einer Waffe gleichkam, greifen. Bereits verliessen ihn seine Kräfte und alles fing an vor seinen Augen zu schwimmen. Der Luftmangel machte sich bereits bemerkbar.
Durch die zugekniffenen Augen konnte er erkennen, dass auch Raika erheblich Probleme hatte, sich gegen ihre Angreifer zu wehren. Schliesslich war das ausdruckslose Gesicht seines Angreifers das Letzte was er sah, bevor er der Bewusstlosigkeit nahe war und seine Augen schloss. Doch dann löste sich plötzlich der Klammergriff und er fiel zu Boden. Hastig nach Luft ringend öffnete er die Augen und sah sein Gegenüber mit starrem Blick vor sich stehen. Die blutige Spitze eines Schwertes ragte aus seinem Unterleib. Begleitet von einem lauten Schrei löste sich der Dämon in Staub auf. Nachdem sich der Staub gelegt hatte, konnte Toshii das siegessichere Grinsen von Van erkennen.
„Euch kann man auch keinen Augenblick alleine lassen.“
Van drehte sich grinsend um und sprang mit wenigen Sätzen aufs Dach des gegenüberliegenden Hauses, wo er Raika von ihren Angreifern befreite. Schon nach kurzer Zeit waren auch diese Dämonen nur noch Geschichte.

Mühsam erhob sich Toshii und kletterte aus dem nun mehr als baufälligen Haus auf die Straße. Dort landete gerade Van mit Raika auf dem Arm. An ihrem rechten Oberarm lief Blut herunter.
„Tz, wie war es möglich, dass einfache Tongolems mich so in Schach halten konnten?“ sagte sie wütend und besah sich ihr nun recht zerschlissenes Kleid.
„Das waren nicht einfache Tongolems. Sie waren gestärkt worden, denn an meinem Schwert klebt Blut. Das Blut eines hohen Dämonen musste ihnen diese Kraft verliehen haben.“
„Das würden diese beiden Idioten niemals auf die Reihe kriegen. Sie hatten also Hilfe.“
„Sieht wohl so aus“, sagte Van mit ernstem Gesichtsausdruck. Doch der änderte sich schlagartig in ein herzliches Lachen.
„Aber was solls. Wir haben sie geschlagen. Ausserdem bin ich nun zu müde um darüber nachzudenken.“
Ein lautes Gähnen bestätigte diese Aussage, gefolgt von einem lauten Krachen, als Van rücklings auf den Boden knallte. Lautes Schnarchen war kurz darauf von ihm zu hören.
Toshii und Raika sahen sich zuerst nur verwundert an, doch dann mussten sie beide lachen.




Lachen. Das war das erste Mal gewesen, dass er das wieder getan hatte. Nach langer, langer Zeit wieder einmal. Und es hatte gut getan.
Toshii lehnte an der Wand zu Vans Haus und hatte die Arme vor sich gekreuzt.
Raika und er hatten Van danach aufgehoben und nach Hause gebracht. Sie hatte sich daraufhin verabschiedet. Toshii war danach wach geblieben, bis eben als er Van geweckt hatte. Als er nun vor dem Haus stand und den gestrigen Abend Revue passieren liess, wurde ihm erneut bewusst, dass Gehenna nicht das war, was man sich vorstellte.

„Toshii warte!! Warte ich komme ja schon!!“
Van hechtete die Treppe hinunter, wobei er immer drei Stufen mit einem Mal nahm. Bei den letzten Stufen verhaspelte er sich und es kam, was kommen musste. Van traf eine Stufe nicht und den Rest des Weges brachte er fliegend hinter sich.
„Au.. aua, ah verdammt!“ fluchte er in sich hinein.
Toshii musste sich unweigerlich fragen, ob das wirklich der gleiche Mann war, der ihn gestern vor dem Tongolem gerettet hatte.
Van rieb sich die noch nicht vorhandene Beule am Kopf und sah zu Toshii auf.
„Du hättest auch sagen können, dass du wartest“, brummelte er und stand auf.
„Aber was solls.“
Mit einer flacksigen Handbewegung wischte er seinen Sturz beiseite und war schon wieder bester Laune. Er nahm Toshii in den Schwitzkasten und schleifte ihn mit Richtung Schloss des hohen Rates. Dort, wo Toshii angekommen war.
„Wir sind spät dran. Beeil dich ein bisschen.“

Mit lautem Knarren öffnete sich die schwere Eisentür.
„Mach mal ein bisschen schneller Salmos. Wir haben hier nicht den ganzen Tag Zeit!“
„Jetzt hör mal auf rumzumeckern. Wenn ich hier nicht den ganzen Tag das Tor auf und zu machen müsste, würde ich dir den Hosenboden versohlen du kleiner Bengel!“ ertönte es laut aus dem kleinen Wärterhäuschen von Salmos.
„Hey pass auf mit wem du redest, alter Mann. Ich bin der Oberbefehlshaber der Armee!“ plusterte sich Van auf.
„Und wenn du Luzifer höchst persönlich wärst, es würde mich trotzdem nicht daran hindern!“ gab die Stimme wütend zurück.
Van wischte die Worte nur mit einer unbedeutenden Handbewegung weg und ging, als das Tor geöffnet war, ohne weitere Worte hindurch. Erneut standen sie in diesem großen Innenhof mit dem wunderschönen Garten. Diesmal jedoch wandten sie sich links und kamen erneut an ein großes Tor. Dieses öffnete sich von selbst und Van betrat zusammen mit Toshii eine stattliche Halle. Grässliche, steinerne Fratzen sahen Toshii von hohen Säulen herab an. Nur spärliches Licht drang durch die wenigen Fenster. Ein Balkon im oberen Stock ging rund um die Halle herum, doch Toshii konnte keine Treppe sehen.

Misstrauisch wurde er von Dämonen beobachtet. Man sah hier nicht alle Tage einen Engel. Das war also schon eher das, was man von Gehenna erwartete. Doch eigentlich war es Toshii egal, wie es hier aussah. Er wollte nur endlich seinen Auftrag erfüllen und dann zurück nach Yetzirah.

Sie durchquerten also die große Halle, gefolgt von misstrauischen und auch missbilligenden Blicken einiger Dämonen, bis sie schliesslich vor einer weiteren Tür standen. Van öffnete sie und trat ein. Toshii folgte ihm.
„Toshii Takeda. Bote und Todesengel aus Yetzirah“, rief Van laut in die leere Schwärze, welche sich vor ihm ausbreitete. Es war absolut nichts zu sehen. Der fahle Lichtschein, der durch die Tür drang, vermochte nicht auch nur den kleinsten Stein am Boden sichtbar zu machen. Van machte Toshii Platz, damit er eintreten konnte. Selbstbewusst und ohne zu zögern schritt Toshii weiter in das schwarze Nichts. Plötzlich flammte um ihn herum eine Fackel nach der anderen auf.
Er befand sich also in einem runden Raum. Auch hier war, wie eben in der Eingangshalle, ein Balkon im oberen Stockwerk.
Toshii blieb stehen und als alle Fackeln in wilden Flammen loderten, waren auch einzelne Gestalten zu sehen, welche sich gleichmässig im Kreis verteilt hatten. Allerdings nur schemenhaft. Toshii konnte die Gesichter nicht erkennen. Es waren im gesamten fünf Personen, genau wie der Rat von Yetzirah.

„Wir begrüssen den Boten von Yetzirah. Was führt euch hierher?“ fragte ein, der Stimme nach zu urteilender, älterer Mann. Sie war bestimmt und zeugte von großem Selbstvertrauen. Der Sprechende verlor keine Zeit und kam direkt zum Punkt. Es musste also der Höchste des Rates selbst sein, der sprach.

„Der hohe Rat von Yetzirah schickt mich. Um des Gleichgewichts unserer beiden Mächte Willen. In Yetzirah wurde bemerkt, dass eure Aktivitäten trotz herrschendem Gleichgewicht zugenommen haben. Meine Frage im Namen des hohen Rates ist warum. Im Gegenzug bieten wir dem hohen Rat von Gehenna an, nach Yetzirah zu kommen, um ebenfalls Einsichten zu erhalten.“
Toshii hatte sich entschieden ebenfalls keine Zeit zu verlieren.
„Was sollten uns die Belange von Yetzirah interessieren?“ fragte eine andere Stimme. Diese war wesentlich jünger und auch ungestümer. Anscheinend sprach der Besitzer zuerst, bevor er nachdachte.
Toshii schwieg auf diese Frage. Er wartete ab, was die anderen dazu zu sagen hatten.
„Unter den Dämonen grassiert eine Krankheit, die bereits viele dahingerafft hat. Gerade um des Gleichgewichts Willen haben wir unsere Aktivitäten erhöht. Um euch selbst davon überzeugen zu können, wird euch euer Begleiter zu den Krankenstationen führen und euch alles genauer erklären. Wir wollen dem hohen Rat von Yetzirah nichts schuldig sein. Auch wir sind bestrebt das Gleichgewicht der Mächte zu halten“, nahm die Stimme von vorhin das Wort wieder auf.
„Auf euer Angebot ebenfalls einen Boten nach Yetzirah zu schicken, werden wir natürlich gerne zurückgreifen“, schloss die Stimme und verstummte.
„Gehört zum Besiegen einer Krankheit das Aufstellen einer Armee?“ fragte Toshii in neutralem Ton.
„Die Armee war schon immer Bestandteil unserer Streitkräfte. Sie war nur nicht aktiviert gewesen. Viele junge Dämonen hatten Angst und Zweifel, ausgelöst durch die tödliche Krankheit. Indem wir die Armee zurück ins Leben gerufen haben, können sie sich nützlich machen und den Kranken helfen. Durch das Zusammengehörigkeitsgefühl, wie es nur in einer Armee zustande kommt, stärkten wir ihren Glauben an sich selbst. Somit muss ich eure Frage mit Ja beantworten.“
Toshii nickte nur.
Es war eine zugegebenermaßen gute Antwort, doch sie überzeugte Toshii nicht vollends. Dennoch verbeugte er sich leicht, drehte sich um und verliess den Ratssaal durch die von Van offengehaltene Tür.

„Ihr wollt ihm Zutritt verschaffen?“ fragte eine andere, weibliche Stimme nachdem sich die Tür wieder verschlossen hatte.
„Es war zu erwarten gewesen, dass der Rat von Yetzirah uns bemerken würde. Genug Informationen zu dieser Sache wurde uns von unserem Spion in Yetzirah mitgeteilt. Wir haben vorgesorgt. Dennoch müssen wir vorsichtig sein“, beantwortete eine andere jüngere Stimme die Frage. Es war nicht diese Ungestüme von vorhin. Man merkte ihr sofort an, dass der Besitzer seine Worte bedachter wählte.
„Und was, wenn er herausfindet, was wir getan haben?“ hackte die weibliche Stimme noch mal nach.
„Wie sollte er es herausfinden. Er ist nur ein Bote. Nur ein niederer Bediensteter des Rates von Yetzirah“, zischte die ungestüme Stimme von vorhin.
„Hätte ihm Van Gakuso nicht geholfen, wäre er zerquetscht worden von meinen Tongolems“, fügte die Stimme leise hinzu, ohne dass die anderen Ratsmitglieder es hören konnten.
„Unterschätze ihn nicht Kagano, unterschätze ihn nicht“, mahnte die Stimme des Oberhauptes des Rates.
„Lasst das immer noch meine Sorge sein Damon. Ich werde mich schon um ihn kümmern“, gab Kagano wütend zurück.
Die Stimme des jungen Ratsmitgliedes hatte einen seltsamen Unterton.
Die Gestalt zu der diese Stimme gehörte, trat von seinem Schatten ins Licht. Ein junger Mann war zu erkennen. Seine schwarzen Haare leuchteten rot und golden im Schimmer der Fackeln. Er trug eine Rüstung bestehend aus einem Brustpanzer, Arm- und Beinpanzern, sowie Schulterpolster. Sie schimmerte kupfern im schalen Licht. Um seine Hüfte hing ein Gürtel, an welchem eine Scheide gehängt war. Nur schon am Griff des Schwertes konnte man erkennen, dass es ein sehr großes und schönes Exemplar war. Der Griff war reich verziert mit Drachen und Runen. Es bestand auch kein Zweifel, dass dieser Mann wusste, wie man damit umgehen musste.

„Überlasst mir die Aufgabe ihn zu überwachen. Ich werde das höchstpersönlich übernehmen“, sagte Kagano mit einem hinterlistigen Grinsen im Gesicht.
„Nun gut, doch haltet eure persönlichen Interessen, was diesen Boten betrifft zurück. Vorrang haben die Anliegen des Rates und somit von ganz Gehenna“, mahnte Damon, dem sehr wohl bewusst war, was Kagano im Schilde führte und warum gerade er sich für die Überwachung gemeldet hatte.
Kagano warf ihm darauf hin nur einen verächtlichen Blick zu und verschwand wieder im Schatten.

„Was ist das für eine Krankheit?“ fragte Toshii während sie wieder zurück zum Tor liefen und den Ratssaal hinter sich liessen.
Van, der ansonsten immer fröhlich und gut gelaunt war, verzog eine düstere Miene. Schatten breiteten sich auf seinem Gesicht aus.
„Wir wissen es nicht. Die ersten Symptome tauchten vor drei Monaten auf. Damals dachten alle es sei nur eine Art Grippe. Doch dann bekamen die Kranken anormal hohes Fieber. Sie verfielen in fiebrige Wahnzustände oder sie fielen ins Koma. Man musste sie an ihren Betten festbinden, damit sie sich nicht selbst verletzten. Im Endstadium schliesslich tritt den Kranken aus Augen, Nasen und Ohren Blut. Sie werden innerlich regelrecht aufgefressen und verbluten dann... wenn sie nicht vorher schon an Herzversagen gestorben sind.“
Es musste ein schrecklicher Tod sein. Nicht mal seinen ärgsten Feinden würde Toshii so etwas wünschen.
„Und man hat also kein Heilmittel gefunden?“ nahm Toshii den Faden wieder auf.
„Nein. Man hat es zwar geschafft die Viren zu isolieren, doch sie scheinen gegen alles resistent zu sein. Wir wissen nicht, was wir noch tun können. Zudem wissen wir nicht, wie sich die Krankheit verbreitet. Zuerst betraf es nur Dämonen der unteren Schichten. Man nahm an, dass die mangelnde Hygiene der Grund war. Doch dann wurden Dämonen, die nie irgendetwas mit den Infizierten zu tun hatten, geschweige denn in ihre Nähe kamen, plötzlich krank. Auch in den oberen Schichten. Es scheint so, als ob eine Art Fluch auf uns zu Lasten scheint.“
Toshii schwieg betroffen. Er verspürte Mitleid. Als ihm dies bewusst wurde, musste er sich erneut über sich selbst wundern. Es war schon ironisch, dass ausgerechnet Dämonen längst vergessen geglaubte Gefühle in ihm weckten.

Beide hatten geschwiegen während sie erneut durch das schwere Eisentor hindurchgingen und sich auf den Weg zu den Krankenstationen machten. Diese waren weit ausserhalb vom Schloss und der belebten Stadt. Deshalb mussten sie auf das gängige Transportmittel von Gehenna zurückgreifen – Flugdrachen. Als sie sich weit genug ausserhalb der Stadt befanden, kramte Van aus seiner Tasche eine Art Pfeife hervor. Sie ähnelte einer Hundepfeife, wie man sie auf Malkuth benutzte. Doch diese war reich verziert mit Schnitzereien.
Van pustete zweimal kräftig, doch auch hier war kein Ton zu hören. Dass sie ihre Wirkung aber nicht verfehlt hatte, bemerkte Toshii als urplötzlich ein enormer Wind aufkam. Über ihnen tauchte mit einem Male ein riesiger Schatten auf. Die Wolken über ihnen wurden weggeblasen und gaben die Sicht auf einen großen, schwarzen Drachen frei. Seine Schuppen schimmerten im rötlichen Licht und seine roten Augen schienen selbst Feuer zu speien. Die Flügel maßen eine Spannweite von mindestens zwanzig Metern.
Viel Staub wurde aufgewirbelt, als der Drache zur Landung ansetzte. Seine riesigen Pranken mit den scharfen Krallen bohrten sich in die Erde. Toshii war beeindruckt und konnte dies nicht verstecken. Solch ein Tier hatte er noch nie gesehen.
„Darf ich vorstellen.. Draco. Mein treuer Begleiter“, stellte Van den Drachen mit Stolz vor.
„Draco? Ein sehr einfallsreicher Name“, bemerkte Toshii trocken.
„Hey hast du was dagegen auszusetzen?“ maulte Van gekränkt. Und auch der Drache schien verstanden zu haben, was Toshii gesagt hatte, denn auch von ihm war ein gekränktes Schnauben zu hören. Dies liess sofort Staub vom Boden aufwirbeln und deckte Toshii vollkommen ein. Mit kräftigem Husten und wild mit den Händen vor seinem Gesicht rumfuchtelnd, trat er aus der Staubwolke hervor.
„Geschieht dir recht. Den Sohn des Götterdrachen kränkt man nicht ungestraft“, sagte Van mit einem fetten Grinsen im Gesicht.
´Sohn? Wenn der schon so aussah, wie groß musste dann der Vater sein`, schoss es Toshii durch den Kopf und er ergriff die Hand von Van, der ihn auf den Rücken des Drachen zog.

Während des Fluges erhielt Toshii noch genauere Eindrücke von Gehenna. Nachdem sie die Stadt überflogen hatten, waren vereinzelt noch kleinere Dörfer zu sehen, die sich wie Vororte um die große Stadt verteilten. Doch diese wurden immer weniger und machten schliesslich einer großen und kargen Wüste platz. Der rote Sand erstreckte sich über Kilometer und nur vereinzelt konnte man abgestorbene und verdorrte Bäume und Sträucher sehen. Schliesslich machte die Wüste einer kargen Steppe platz, die in einen dichten Wald überging. Doch der Wald bestand nur aus dörren Bäumen, welche keine Blätter trugen. Knorrige Äste reckten sich ihnen entgegen und man konnte kein Leben ausmachen.
„So sah es hier früher überall aus. Doch laut den Überlieferungen hatte Luzifer es geschafft, den Totenwald zurückzudrängen und man konnte Dörfer und Städte bauen. Er ermöglichte den Dämonen, seinen Kindern, ein Überleben in dieser Welt.“

Serelith
12.03.2005, 22:02
Den Rest des Weges schwiegen beide. Schliesslich kam ein großer und trister Gebäudekomplex zwischen den Wolken zum Vorschein. Es waren nur leblose Betonklötze. Nichts deutete daraufhin, dass dort Wesen lebten. Er war eingerahmt von dichtem Stacheldraht und es gab nur einen einzigen Eingang, der streng bewacht wurde. Große, bullige Dämonen standen davor und liessen keinen ohne Genehmigung rein und auch nicht raus.
Van deutete seinem Drachen in respektvollem Abstand zu dem Gebäude zu landen.
„Du kannst nicht in das Gebäude reingehen, ansonsten besteht die Gefahr der Ansteckung. Wir haben ausserhalb der Krankenstation eine Art Kommandozentrale errichtet. Von dort aus werden Medikamente und Geräte in das Gebäude gebracht. Wir können durch Kameras die Patienten beobachten.“
Toshii war überrascht über die technischen Geräte die ihnen hier zur Verfügung standen. Unweigerlich fragte er sich, woher sie dies alles hatten. Doch die Frage blieb ihm im Halse stecken als sie einen kleinen Raum betraten voll mit Monitoren und er die Bilder der Kameras sah.

Dämonen unterschiedlicher Arten lagen mit gequältem Gesichtsausdruck in ihren Betten. Einige waren angeschnallt und wehrten sich gegen die strammgezogenen Gurte. Andere lagen völlig apathisch mit offenen Augen ihren Betten und wieder andere waren schon fast nicht mehr als lebendig zu bezeichnen. Blut floss ihnen aus allen Öffnungen in ihrem Gesicht und mit ihm jegliches Leben. Van hatte ihn vorgewarnt, doch es war immer noch ein himmelweiter Unterschied ob man es hörte oder es mit eigenen Augen sah.

„Kein sehr schöner Anblick nicht wahr?“
Eine weibliche Stimme drang an Toshiis Ohr. Er drehte sich zu ihr um und stand einer großen, sehr hübschen Frau gegenüber. Sie strich sich gerade eine ihrer blonden Strähnen aus dem Kopf und schob ihre zierliche Brille zurück auf ihren Nasenrücken. Ihre grünen Augen sahen die Wesen auf dem Monitor voller Mitleid und Bedauern an. Auch Zorn war in ihnen zu lesen. Wahrscheinlich darüber, dass sie ihnen nicht helfen konnte.
„Darf ich vorstellen, Doktor Yoko Yamura. Stellvertretende Oberärztin.“
„Hoch erfreut euch kennenzulernen.. Toshii Takeda, Bote von Yetzirah. Sehr selten, dass man einen Engel zu Gesicht bekommt“, sagte sie mit einem herzlichen Lächeln.
„Ich vertrete den Oberarzt Daikuno.
Sie sind also gekommen um zu sehen, warum die Dämonen ihre Aktivitäten erhöht haben. Ja das war zu erwarten gewesen. Doch das zeugt ja nur davon, dass den Engeln das Gleichgewicht beider Mächte wichtig ist.
Schön, dann werde ich euch also genauer erklären, was es mit dieser Krankheit auf sich hat. Ich nehme an Gakuso-sama hat euch bereits etwas darüber geschildert?“
Toshii nickte.
„Die ersten Symptome gleichen denen einer normalen Grippe auf Malkuth. Husten, Schwindelgefühle, leichtes Fieber. Doch nach etwa drei Tagen steigt das Fieber enorm an. Die Patienten bekommen Schüttelkrämpfe und ihre Temperatur steigt bis auf über 40 Grad.
Das zweite Stadium sind die Wahnvorstellungen oder das Wachkoma. Einzelne verfallen dem Wahn und fügen sich selbst schreckliche Verletzungen zu. Diese Patienten müssen wir ans Bett binden und ihnen Beruhigungsmittel verabreichen, welches sie einigermaßen ruhig stellt.
Die Wachkomapatienten scheinen mit offenen Augen zu schlafen. Sie reagieren auf keinen Schmerz und zeigen auch keine Reflexe. Nicht einmal die Pupillen ziehen sich zusammen bei Lichteinwirkung. Diese Patienten verbleiben in diesem Zustand. Auch während des dritten Stadiums verändert sich daran nichts.
Die anderen beruhigen sich allmählich wieder, wenn sie ins dritte Stadium kommen, oder sie sterben vorher an Herzversagen.
Das dritte Stadium zeigt sich, indem aus Mund, Nase, Ohren und Augen unaufhaltsam Blut austritt. Die Patienten lösen sich innerlich regelrecht auf und verbluten. Es ist ein langer und qualvoller Tod.“
Yoko hielt einen Moment inne ehe sie weitersprach.
„Uns ist es gelungen das Virus zu isolieren. Es scheint tatsächlich eine Mutation des normalen Grippevirus von Malkuth zu sein. Es ist resistent gegen jegliche Antibiotika. Alles, was wir bis jetzt erreichen konnten ist ein Aufschub von Zeit. Durch ein Medikament, welches wir entwickelt haben, können wir den Beginn des zweiten Stadiums herauszögern. Doch auch dieses Medikament verliert langsam seine Wirkung. Konnten wir es am Anfang noch bis zu drei Wochen hinauszögern, ist es mittlerweile nur noch eine Woche. Uns ist auch nicht bekannt, wie sich das Virus verbreitet. Dämonen, welche von Anfang an mit den Patienten zu tun hatten, erkranken nicht. Dann gibt es wieder Dämonen, die nie auch nur in die Nähe eines Kranken gekommen sind und bei ihnen bricht die Krankheit aus. Es gibt absolut keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Fällen. Ich bin am Ende meines Lateins. Alles, was ich noch tun kann, ist ihnen beim Sterben zuzusehen.“

Betretenes Schweigen trat in den Raum. Plötzlich ging eine Tür auf und eine Schwester betrat den kleinen Raum.
„Entschuldigt die Störung. Gakuso-sama? Eure Schwester wünscht euch zu sehen“, sagte sie mit leiser Stimme.
Van hastete sofort zur Tür, doch ehe er den Raum verliess, drehte er sich noch einmal zu Toshii um.
„Warte hier. Doktor Yamura beantwortet dir all deine Fragen. Ich komme gleich wieder zurück und dann kehren wir zurück zur Stadt.“
Und schon war er verschwunden.
„Seine Schwester?“, fragte Toshii, während er Van hinterher sah.
„Ja. Gakuso-samas kleine Schwester ist ebenfalls erkrankt. Sie ist derzeit am Anfang des ersten Stadiums. Mit Hilfe unseres Medikaments können wir die Krankheit hinauszögern. Doch wer weiss wie lange.“
Toshiis Blick ging auf einen der zahlreichen Monitore. Van war zu sehen, wie er durch die kahlen Gänge eilte und schliesslich ein kleines Zimmer betrat. Auf einem anderen Monitor war er nun zu sehen, wie er ein kleines Mädchen von ca. zehn Jahren in den Arm nahm. Die Augen des Mädchens strahlten und sie lächelte glücklich.
„Besteht nicht die Gefahr der Ansteckung?“ wollte er weiter wissen.
„Da wir nicht wissen, wie das Virus sich überträgt, besteht überall Ansteckungsgefahr. Wir behalten die Station nur unter Isolation, weil wir denken, dass sie dort am grössten ist. Wir haben Gakuso-sama bereits mehrfach versucht aufzuhalten, doch er lässt sich nicht davon abhalten. Seine Schwester ist alles, was ihm von seiner Familie geblieben ist.“
Yoko schwieg und betrachtete die Beiden auf dem Monitor. Sie schienen gerade irgendeinen Schabernack zu treiben, denn sie lachten herzhaft.
„Sie ist das Wichtigste für ihn“, beendete die Ärztin ihren Satz.
Toshii wandte den Blick ab. Es war ihm irgendwie nicht wohl dabei, die Beiden zu beobachten. So verliess er zusammen mit Doktor Yamura den kleinen Raum.

„Was unternimmt der Rat dagegen?“
„Deswegen ist der Oberarzt, Doktor Daikuno, nicht anwesend. Er ist ein Ratsmitglied und zusammen beraten sie gerade, was wir unternehmen sollen. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Ich weiss nicht, wie wir dieser Krankheit Herr werden.“
„Mmh“
Toshii wusste nicht mehr zu sagen. Doktor Yamura führte ihn noch weiter durch die Krankenstation und zeigte ihm die einzelnen Labors, wo versucht wurde ein Gegenmittel zu entwickeln. Während Toshii sich alles ansah, bemerkte er die Niedergeschlagenheit in den Gesichtern der Ärzte und der Schwestern. Es schien, als hätten bereits alle die Hoffnung aufgegeben.

Schliesslich verabschiedete sich Toshii von der Ärztin und kehrte zu Draco zurück. Van war noch nicht hier, doch Toshii würde warten. Es war nur zu verständlich, dass er Zeit mit seiner Schwester verbringen wollte, solange sie noch bei Verstand und einigermaßen gesund war.
Toshii wartete und wartete, doch Van kehrte nicht zurück. Gerade als er zurück zur Station laufen wollte, um nachzufragen wo er denn abgeblieben sei, tauchte eine Gestalt auf und kam langsam näher. Toshii erkannte schon am Gang der Person, dass es nicht Van war. Automatisch verfiel er in eine abwehrende Haltung.
„Toshii Takeda?“
Toshii antwortete auf die Frage des Fremden hin nicht, sondern sah ihn nur prüfend an.
„Ich bin Kagano. Gakuso-sama wurde aufgehalten. Ich soll euch zurück in die Stadt bringen. Bitte begleitet mich.“
Die Stimme gehörte einem Mann. Doch Toshii konnte sein Gesicht nicht sehen, denn er hatte die Kapuze seines schwarzen Mantels weit ins Gesicht gezogen. Die Stimme alleine konnte er schlecht einschätzen. Sie liess keinen Schluss auf sein Alter zu.
Etwas misstrauisch und skeptisch sah er dem Mann nach, wie er auf Draco stieg. Dieser wehrte sich zuerst gegen den Fremden, doch der Fremde legte Draco die Hand auf den Kopf und der grosse Drache wurde sofort still und liess ihn gewähren.
„Kommt. Wir wollen euch nicht der unnötigen Gefahr aussetzen ebenfalls an der Seuche zu erkranken.“
Toshii zögerte zuerst und sah nochmals zurück zur Station, stieg dann aber schlussendlich doch auf den Rücken von Draco.

Toshii saß vor dem Unbekannten und konnte so sein teuflisches Lächeln nicht sehen, als Draco sich in die Luft erhob.
Wie einfach es doch wäre Toshii gleich hier und jetzt aus dem Weg zu räumen. Nichts ahnend saß er nun vor ihm, den Rücken ihm zugewandt. Er hätte nur sein Schwert ziehen und ihm die Klinge in den Rücken bohren müssen. Dann wäre er für immer verschwunden. Vor dem Rat hätte er sagen können, dass sie in einen Sandsturm geraten wären und Toshii dabei das Gleichgewicht verlor und in den Totenwald gefallen war. Das kam vor. So war nun mal der Lauf der Dinge. Doch Kagano hielt sich zurück. Es wäre zu einfach. So machte es ja keinen Spaß.

„Der Rat hat eine unvorhergesehene Sitzung. So muss das Treffen mit ihnen leider ausfallen. Der Rat bat mich jedoch darum, euch zu fragen ob all ihre Fragen beantwortet seien. Er hofft, dass sie unsere erhöhte Aktivität nun nachvollziehen können und es zu keinen Spannungen zwischen den beiden Welten kommt.“
„Es liegt nicht an mir dies zu entscheiden“, beantwortete Toshii die Frage des Fremden schlicht.
„Nun gut. Dann lasst mich euch zurück in den Transporterraum bringen. Wir haben bereits alles für eure Abreise vorbereitet.“
Der Fremde wollte gerade an ihm vorbeigehen, als ein kleiner Dämonenjunge auf ihn zugerannt kam. Der Fremde bückte sich und der kleine flüsterte ihm etwas ins Ohr. Nach kurzer Zeit erhob er sich wieder. Er legte dem Kleinen seine Hand auf den Kopf. Daran konnte Toshii erkennen, dass er noch jung sein musste. Die Zeit hatte ihre Spuren noch nicht hinterlassen.
„Danke du kannst jetzt gehen“, sagte der Mann im schwarzen Umhang und der Kleine tat, wie ihm befohlen.
„Tut mir leid. Ich kann euch nicht begleiten. Mir wurde gerade eine wichtige Order aufgetragen. Findet ihr allein in den Transporterraum?“
Toshii unterliess es auch diesmal dem Fremden direkt zu antworten. Wieder nickte er nur.
„Gut. Dann wünsche ich euch eine gute Heimkehr.“
Mit diesen Worten drehte sich der Fremde um, lief den Gang zurück und verschwand in einer Tür. Toshii sah ihm eine Weile hinterher, ehe er sich selbst auf den Weg machte.

Toshii wusste noch genau, wo sich das Labor befand. Als er vor dessen Tür stand, öffnete sie sich jedoch nicht. Auch auf sein zweimaliges Klopfen hin rührte sich gar nichts. Schliesslich drückte er die Klinke der Tür selbst herunter und trat ein.
Ein grosser Dämon sah ihn mit überraschten Augen an. Seine Schuppen schimmerten bläulich im Licht und die großen, schwarzen Stacheln auf seinem Rücken standen weit ab. In seinen riesigen Pranken hielt er einen Besen und um seinen grossen Leib war eine ebenso große Schürze gebunden.
Toshii sah den Dämonen zuerst nur ungläubig an. Es sah schon sehr merkwürdig aus.
„Der Transporter ist wegen Wartungsarbeiten vorläufig außer Betrieb“, sagte der Dämon mit einer tiefen und brummenden Stimme, als er erkannte, wer vor ihm stand und wischte eifrig weiter. Anscheinend war es ihm peinlich, dass ihn jemand in diesem Aufzug gesehen hatte.
Der Anblick eines so großen putzenden Dämonen in einer Schürze war so überraschend und ungewohnt, dass Toshii gar nicht auffiel, dass weder Techniker noch sonst jemanden hier war, der Wartungsarbeiten durchführte.
„Wenn Sie zurück wollen in ihre Welt, dann benutzen Sie den zweiten Transporter.“
Als der Dämon Toshiis fragenden Blick sah, hörte er auf zu wischen und deutete mit seiner riesigen Pranke Richtung Tür.
„Den Gang weiter entlang laufen und dann die dritte Tür rechts.“
Beide, der Dämon und Toshii, sahen sich in die Augen. Toshii konnte sich nur langsam von dem seltsamen Anblick eines putzenden Dämonen in einer Schürze lösen.
„Nun gehen Sie schon. Ich habe noch zu tun“, sagte der Dämon ungeduldig und peinlich berührt.
Toshii wandte sich ab und verliess den Transporterraum. Die Tür hinter ihm fiel hart ins Schloss.

„Sehr gut. Hast du ihm auch wirklich den richtigen Weg gewiesen?“, fragte eine Stimme aus dem Schatten, als die Tür wieder geschlossen war. Ein Mann in schwarzem Mantel trat hinter einem Schrank hervor, der ihn vorhin vor den Augen von Toshii verborgen hatte.
„Ja. Ich habe ihm den Weg in die Kammer gewiesen“, sagte der Dämon in der Schürze wütend.
Kagano warf seine Kapuze zurück. Ein teuflisches Grinsen umspielte seine Lippen und das Feuer des Hasses loderte sichtbar in seinen blutroten Augen.
„Aber warum musste gerade ich ihm in diesem Aufzug den Weg weisen? Hätte das nicht auch jemand anderes machen können?“ wollte der große Dämon von Kagano wissen. Dabei riss er sich die Schürze vom Leib und warf den Besen in hohem Bogen durch den Raum.
„Niemand würde einen Dämonen wie dich in einer Schürze und mit Besen vermuten. Dein Anblick ist, in diesem Aufzug, einfach zu seltsam. Toshii hatte keine Zeit lange darüber nachzudenken, warum der Transporterraum geschlossen war. Er war zu beschäftigt, dich anzusehen“, erklärte Kagano mit wissendem Lächeln.
„Trotzdem. Warum musste ich das machen“, murrte der Dämon weiter.
„Jetzt hör schon auf. Sieh es als Dienst an Gehenna“, gab Kagano entnervt zurück und verschwand wieder im Schatten. Der Dämon stand nun wieder alleine und immer noch schmollend im Raum.

Ohne weiter über das eben gesehene nachzudenken, folgte Toshii dem Gang, wie ihm geheissen wurde.
´Die dritte Tür rechts`, wiederholte Toshii noch einmal in Gedanken.
Vor dieser Tür angekommen, drückte er die Klinke herunter und starrte in einen schwarzen Raum. Plötzlich flammten hinter der Tür Fackeln auf, wie Toshii dies schon im Ratssaal gesehen hatte. Die Fackeln säumten einen langen Gang, dessen Ende nicht zu sehen war.
Toshii sah sich um. War das wirklich die richtige Tür? Ein seltsamer Luftzug blies Toshii kalten Wind ins Gesicht. Die Flammen der Fackeln tanzten und an den Steinwänden zeichneten sich seltsame Schattenspiele ab. Eine unsichtbare Hand schien Toshii in diesen Gang zu ziehen.
Langsam trat Toshii durch die Tür in den langen Fackelgang. Kaum hatte er die Tür passiert, fiel sie hinter ihm ins Schloss. Er drehte sich nach ihr um, doch sie war nicht mehr zu sehen. Skeptisch sah er sich um, bevor er weiterging.

Der Gang schien kein Ende nehmen zu wollen, denn immer weitere Fackeln entzündeten sich. Nach einer Ewigkeit, wie ihm schien, spürte Toshii, dass es ein leichtes Gefälle gab. Je weiter er lief, umso steiler wurde es und umso stärker wurde der Wind.
Toshii wusste nicht, wie lange er nun diesen Gang entlang gelaufen war, als er vor einer schweren, halbrunden Holztür stand. Behutsam legte er die Hand auf das starke und grobe Holz. Er hatte gar nicht dagegen gedrückt, und doch schwang das Tor schnell und mit einem einzigen Ruck auf. Der Wind drohte Toshii beinahe umzuwerfen. Mit aller Macht musste er sich dagegen stemmen. Schützend hielt er sich beide Arme vors Gesicht. Doch so schnell der Wind mit dieser Kraft gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder. Toshii wäre beinahe vorn über gefallen, weil er sich so dagegenstemmen musste. Er senkte seine Arme und sah in eine riesige Halle, dessen Ende er nicht sehen konnte. Unzählige Steinsäulen welche sich mindestens zwanzig Meter in die Höhe erstreckten standen vor ihm. An jeder zweiten Säule hingen wiederum Fackeln, die dem ganzen eine seltsame Atmosphäre einhauchten. In dieser Halle hätte gut und gerne die halbe Stadt Platz gehabt.
Toshii war überwältigt von diesem Bauwerk, zumal man dies nicht erwartet hätte. Langsam betrat er die Halle und sah sich staunend um. Schliesslich konnte er einen senkrechten, hellen Lichtstrahl ausmachen. Er beleuchtete ein kleines Podest, auf dem ein Buch lag. Dies war neben den Säulen der einzige Gegenstand, der sich sonst noch in dieser Halle zu befinden schien. Langsam ging Toshii darauf zu, bis er schliesslich davor stand.
Das Buch musste schon sehr alt sein, denn der Einband sah mehr als mitgenommen aus. Das Braun war in ein gegerbtes Grau übergegangen und an etlichen Stellen hatte es Risse und Löcher. Den Titel des Buches konnte man ebenfalls nicht mehr lesen. Nur noch einzelne Buchstaben waren zu erkennen, welche keinen wirklichen Sinn ergaben. Wie von alleine bewegte sich seine Hand auf das Buch zu und schlug es auf. Die Seiten waren ebenfalls schon stark mitgenommen. Das Papier war stark gegerbt und hatte eine gelbliche Farbe.
´Was soll dass denn? Hier steht ja gar nichts drin`, dachte Toshii, als er die ersten Seiten des Buches sah.
Tatsächlich war nichts zu sehen. Toshii wollte es schon wieder zuschlagen, als erneut der kalte Wind aufkam. Die Seiten blätterten wild und schnell und er hatte schon Angst, dass sie zerreissen würden. Doch dann hörte der Wind wieder auf. Toshii sah sich prüfend in der Halle um, doch er konnte nichts und niemanden erkennen. Als sein Blick wieder auf das Buch fiel, weiteten sich seine Augen.
Buchstaben erschienen wie von Geisterhand geschrieben. Gebannt lass Toshii die Worte, die nun auf den alten Seiten sichtbar wurden.

„Eine einsame, gepanzerte Seele,
verzweifelt in der schwarzen Helligkeit.
Zwei hell leuchtende Sterne,
sie künden vom nahenden Untergang.
Drei alte Jünglinge,
sie kehren zurück aus der hellen Vergangenheit.
Vier Kerzen des schwarzen Lebens,
sie erlöschen durch die weissen Flügel des Todes.
Fünf weisse Vögel,
sie sitzen lauernd über der unwissenden Welt.
Sechs gleiche Erden,
sie glauben an Misstrauen und Verrat.
Sieben Lichter der Zerstörung,
gerufen von den sechs gleichen Welten,
getragen von den fünf weissen Vögeln,
gestärkt von den vier schwarzen, toten Lebenskerzen,
erwartet von den drei alten Jünglingen,
verkündet von den zwei hell leuchtenden Sternen,
geschickt von der einen verdammten Seele,
werden sie alles auf den drei Ebenen vernichten.
Durch das Licht befreit, erhebt sich das verlorene Tor und wird wiedergefunden.
Gerettet werden können jene, die es finden und dem schwarzen Pfad durch die weisse Wand folgen.
Doch das verlorene Tor öffnet sich nur beim Erstrahlen der sieben Lichter.
Erscheint der achte blau Drache, bleibt es den Suchenden verborgen und wird nicht gefunden.
Denn nur der achte blaue Drache kann die Lichter verdunkeln, die Seele reinigen und die Welten retten. Die Seele selbst wird in der dunklen Helligkeit verschwinden und ausgelöscht.“

Was hatte das zu bedeuten? Die Engel besassen doch eine ähnliche Schriftrolle. Toshii war nun schon lange genug Todesengel, dass er davon wusste. Er hatte sie sogar einmal selbst gelesen und er konnte sich gut an ihre Worte erinnern.
Toshii las den Text noch einmal durch. Es war tatsächlich ein ähnlicher Text, der ebenfalls das Ende aller vier Welten beschrieb. Doch viele Worte waren das genaue Gegenteil von dem, was in der Schriftrolle in Yetzirah stand.
„Durch das Licht befreit, erhebt sich das verlorene Tor und wird wiedergefunden.
Gerettet werden können jene, die es finden und dem schwarzen Pfad durch die weisse Wand folgen.
Doch das verlorene Tor öffnet sich nur beim Erstrahlen der sieben Lichter.
Erscheint der achte blaue Drache, bleibt es den Suchenden verborgen und wird nicht gefunden“, las Toshii eine Stelle aus dem Buch laut vor.
Dieser Teil stand nicht in der Schriftrolle von Yetzirah, da war er sich ganz sicher.

„Was machen Sie hier?“ hallte eine Stimme durch den riesigen Raum.
Erschrocken wandte Toshii sich in die Richtung aus der er selbst gekommen war. Schemenhaft konnte er drei Personen ausmachen, die am großen Tor standen und nun langsam näher kamen. Als sie dem kleinen Podest und somit dem Licht näher kamen, konnte Toshii einen stattlichen Mann mittleren Alters, eine junge Frau und einen jüngeren Mann erkennen. Der ältere Mann hatte lange, graue Haare, welche beinahe bis auf den Boden reichten. Er stützte sich auf einen Holzstab, der von einem roten Edelstein geziert war und den er garantiert nicht als Gehhilfe gebrauchte. Seine grünen Augen funkelten Toshii überrascht an.
Die Frau war, genau wie Raika in ihren Arbeitsklamotten, nur spärlich bekleidet. Ein Hauch von rotem Stoff bedeckte gerade das Nötigste. Ihre langen, rotflammenden Haare fielen ihr weich auf die Schultern.
Den Jüngeren konnte er nicht genau erkennen, denn der stand im Schatten einer der unzähligen Säulen.

„Was machen Sie hier?“ wiederholte der Alte noch einmal. Am Klang seiner Stimme erkannte Toshii, dass es sich um das Oberhaupt des Rates handeln musste.
Toshii kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, denn die Frau übernahm gleich das Wort.
„Ist doch ganz klar, was er hier macht Damon. Er spioniert uns aus. Ich habe doch gleich gewusst, dass wir ihm keinen Zugang gewähren sollten.“
Sie trat nun dicht vor Toshii hin und sah zu ihm hoch. Ihre Augen glühten vor Verachtung und Misstrauen.
„Keine voreiligen Schlüsse ziehen Narakune. Lasst ihn erst erklären“, sagte der alte Mann und trat nun ebenfalls näher an Toshii heran.
„Nun was habt ihr hier zu suchen?“
Toshii erwiderte den festen Blick des Ratsoberhauptes Damon.
„Mir wurde gesagt, dass hier der zweite Transporterraum sei“, erklärter er kurz und knapp mit fester Stimme.
„Wir besitzen nur einen Transporterraum. Genau wie ihr in Yetzirah. Was soll dass denn für eine faule Ausrede sein. Jeder weiss, dass es nur ein Dimensionentor als Verbindung gibt“, fiel ihm Narakune gleich wieder ins Wort.
Toshii sagte daraufhin nichts, sondern hielt dem Blick von Damon stand.
„Damon! Unser Gesetz schreibt vor, dass jeder Unbefugten, der sich hier in diesem Raum befindet, festgenommen werden muss!“ steigerte sich Narakune hinein und sah nun ebenfalls Damon an.
Dessen Blick ging von Toshii zu Narakune und wieder zurück zu Toshii.

Kagano stand weiterhin im Schatten einer der Säulen, so dass Toshii sein Gesicht nicht sehen konnte. Bei dem Ausbruch von Narakune huschte ein hämisches Grinsen über sein Gesicht. Nicht umsonst hatte er sie gebeten mitzukommen. Kagano hatte genau gewusst, wie sie auf Toshii reagieren würde. Sie war die vehementeste Gegnerin der Engel im Rat der Dämonen. Alles verlief genau nach Plan.
Wäre Kagano alleine mit Damon in die Säulenhalle gekommen, hätte Damon sofort Verdacht geschöpft. Narakune hatte ihm die Arbeit jedoch abgenommen. Es war sogar sie selbst gewesen, die Damon darum bat hierher zu kommen.

„Damon was wirst du jetzt tun?“ hakte Narakune sichtlich wütend nach.
Niemand sagte etwas.
Schliesslich wandte sich Damon ab und liess Toshii und Narakune stehen.
„Damon!“, rief sie ihm wütend hinterher, worauf er stehen blieb, sich aber nicht umdrehte.
„Narakune verständige die Mitglieder des Rates und schicke eine Nachricht nach Yetzirah.
Kagano nimm den Boten fest und bring ihn in die Gewölbe.“
Auf Narakunes Gesicht zeichnete sich ein siegessicheres Lächeln ab. Ihre Augen sprühten regelrecht und warfen Toshii stechende Blitze zu. Ihrem Zorn genüge getan, drehte sie sich um und folgte Damon.
Toshii sah ihnen mit kaltem und gefühlslosem Gesichtsausdruck hinterher.

Als Damon und Narakune verschwunden waren, trat nun auch Kagano aus dem Schatten der Säule.
Toshii sah eine kupferne Rüstung, die Scheide eines Schwertes blitzte im fahlen Licht und langsam gab es den Blick auf das Gesicht frei.
Toshiis Augen weiteten sich. Überraschung, Unglaube und Entsetzen spiegelten sich in seinen Augen wider. Seine Gesichtszüge entgleisten und seine zuvor gefühlslose Maske zerbröckelte in tausend Stücke. Sein Mund öffnete sich und wollte etwas sagen, doch kein einziges Wort drang aus seiner Kehle.
„Keine so stürmische Begrüssung... mein Bruder.“
Den letzten Teil seines Satzes sagte Kagano mit einem zynischen Unteron. Toshii war immer noch wie gelähmt und starrte sein Gegenüber an.
Das früher lange, schwarze Haar, welches zu einem Zopf zusammen geflochten gewesen war, war nun eine wilde Mähne. Seine ehemals braunen Augen waren nun smaragdgrün und durchzogen von gelben Streifen.
Doch sein Gesicht würde er auch nach tausenden von Jahren wiedererkennen.
Nach der ersten Überraschung gelang es Toshii sich wieder unter Kontrolle zu bringen.
„Ashikaga...“, war jedoch alles was er über seine Lippen brachte.
„Ich freue mich auch dich wiederzusehen, sehr sogar.“
Toshii war durchaus bewusst, wie Ashikaga dies meinte.